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Die 12. Woche (19. Dez.)

Dienstag, 19. Dezember. 85. Tag: Handys, Streiks, surrealer Unterricht mit Bowling, Europaparty.

09:45 Uhr.

Heute Morgen stieß ich auf eine interessante Frage: Ist es in Frankreich erlaubt, beim Autofahren mit dem Handy zu telefonieren? Wir wissen ja alle, was uns in Deutschland blüht: 40 EUR für die Staatskasse und ein Punkt in Flensburg. Daher fragte ich mich, ob das hier ähnlich strikt sein gehandhabt wird, als ich heute Morgen mit dem Bus vom Bahnhof zur Schule gefahren bin und den Fahrer dabei beobachtete, wie er mit einer Hand den Bus steuerte – und mit der anderen sein Handy...

Die „soziale Bewegung“ von letzter Woche, über die ich mich nicht beschwert habe, weil das ja unsozial wäre, ging noch bis Sonntag. Besonders spaßig wurde es am Donnerstag. Ich kam um 07:20 Uhr morgens am Gare St. Lazare an, wo die Ersatzzüge abfuhren, und stellte fest, dass der nächste Zug in meine Richtung um 07:51 Uhr abfahren sollte. Tolle Wurst. Ich konnte also eine halbe Stunde morgens in diesem klassischen, kalten Pariser Kopfbahnhof verbringen.

Dann wurde es aber richtig toll: Etwa 5 Minuten vor der geplanten Abfahrt wurde dann endlich das Gleis angezeigt, wo der Zug abfahren sollte. Daraufhin strömten Hunderte Leute los und standen wenige Minuten später in 3. und 4. Reihe auf dem Gleis, um in jenen Zug zu gelangen.

So weit, so gut.

Um 5 vor 8 fuhr der Zug endlich ein. Bereits also mit Verspätung, denn er sollte ja um 10 vor 8 abfahren. Interessanterweise war der Zug gerappelt voll. Und nun wurde es interessant. Ich schätze, dass in einen RER-Waggon 200-250 Menschen reinpassen (davon 62 Sitzplätze). Wenn ich mich nicht verzählt habe, besteht ein durchschnittlicher RER-Zug aus 8 Waggons. Das macht nach Adam Riese und Eva Zwerg 1600-2000 Sardinen pro Büchse.

Man stelle sich das Ganze nun so vor: Der Zug mit knapp 2000 Menschen drin (ich überlege gerade, ob das hinkommen kann) fährt ein, und im Bahnhof warten knapp 1999 Menschen und ich, die da rein wollen bzw. müssen. Das bedeutet, dass knapp 4000 Menschen auf engstem Raum ihren Standort tauschen müssen. Aufgabe für Logistiker: „Bewegen Sie innerhalb von 5 Minuten 2000 Menschen aus einem Stahlschlauch heraus durch enge Menschengassen auf einen Bahnsteig, und befördern Sie anschließend wieder 2000 hinein.“

Das ist purer Darwinismus. Survival of the fittest. Wer drin ist, fährt mit. Ich will nicht mehr darüber reden... Jedenfalls stellte ich fest, dass die Mensch Mensch form- und komprimierbar ist.

Besonders gemein ist es dann, wenn man direkt an der Tür steht (wie ich letzten Dienstag, als ich nach Hause fuhr) und an einem Bahnhof Platz machen muss, um den Leuten weiter drinnen die Möglichkeit zu geben, auszusteigen. Extrem gemein ist es dann, wenn man glaubt, Bahnsteig und Waggonboden seien auf gleicher Höhe. Waren sie in meinem Fall aber nicht. Ich machte also einen Schritt zurück in sicherer Erwartung des Bodens unter meinen Füßen – und fiel mit einem erschrockenen „Woaah!“ ins Bodenlose. Ich schätze den Höhenunterschied auf 60 cm. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, mein Gleichgewicht im Rückwärtsfall zu behalten und auf den Füßen zu landen. Es muss jedenfalls toll ausgesehen haben; ein Kichern ging durch die Leute, die es gesehen hatten.

Aber professionell, wie ich nun einmal im Abwiegeln von Pannen bin, berappelte ich mich einfach wieder, stieg wieder in den Zug, richtete meine Frisur und sagte deutlich hörbar: „Attention à la marche en descendant du train!“ (sinngemäß etwa: „Beachten Sie bitte die Stufe beim Ausstieg!“), ein Spruch, den jeder Métronutzer kennt. Damit hatte ich die Lacher wieder auf meiner Seite. :-)

Diese „soziale Bewegung“ jedenfalls muss toll gewesen sein und gaaaanz viel gebracht haben, denn nach dem RER-Personal von letzter Woche sozialbewegte sich diesen Montag das SNCF-Personal am Gare St. Lazare (was mir egal war, meine alte Route fuhr wieder einwandfrei) und die Lehrer! Ja-haa! Ich aber nicht, denn Assistenten haben keine Rechte, außer ihren Job zu tun.

Aber ich dachte, ich könnte mal die Gruppen alleine unterrichten. So war’s zumindest auch ursprünglich geplant. Aber stattdessen waren aus der ersten Gruppe (17 Schüler) nur 2 da, und aus der 2. Gruppe (16 Schüler) ganze 3... Ich bin mir noch nicht sicher, wieso, werde dem Rätsel aber nachgehen.

Dafür hatte ich letzten Donnerstag die surrealste Stunde meiner bisherigen Dienstzeit als Angestellter des französischen Bildungsministeriums. Von drei Schülern tauchte nur einer auf. Dafür waren wir zwei Lehrkörper. Der Schüler hatte keinen Bock, ich auch nicht, und so mussten wir zu zweit mit vereinten Kräften ihm alle Antworten einzeln aus der Nase ziehen. Und die kamen dann auch noch auf Französisch.

Er behauptete jedenfalls, dass er Mitglied der französischen Bowlingnationalmannschaft sei. Das überrascht mich insofern, als ich nicht wusste, dass es sowas gibt, und zweitens, dass er da drin ist, und drittens, dass das zu stimmen scheint, da die Lehrerin das bestätigte. Ich überprüfe das noch...

Am Samstag war ich dann auf einer Party, auf der Architekturstudenten (!) und jede Menge Italiener rumliefen. War eine witzige Atmosphäre, und wir haben alle nur französisch gesprochen.

Nun gut. Freitag geht’s nach Hause, und ich muss zugeben, dass ich mich schon irgendwie auf Deutschlannd freue.

Damit wäre dies auch mein letzter Eintrag im Jahre 2006. Ich wünsche Euch allen frohe Feiertage, viele Geschenke, einen guten Start ins neue Jahr und alles Gute für 2007. Ich bedanke mich bei Euch für die fleißige Lektüre und das viele Feedback!

Bleibt gesund und sauber! :-)


Ralf
19.12.06 11:37
 



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