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Die 4. und 5. Woche (30. Okt.)

Sonntag, 22. Oktober. 27. Tag:
Sonntag=Wochenende=Pause.


11:20 Uhr.

Gehen wir wieder mal chronologisch vor. Nun liegt auch meine zweite „richtige“ Arbeitswoche hinter mir, und sie ist ebenso gut verlaufen wie die erste. Die Schüler waren insgesamt umgänglich und haben gut mitgearbeitet – teilweise sogar besser mitgearbeitet als bei der Lehrerin. Ich schiebe daher ihr Verhalten der Lehrerin in die Schuhe, denn bei mir sind sie nicht so. Natürlich haben ein paar Schüler mal ausgelotet, wie weit sie wohl gehen dürfen, aber das war alles noch im normalen Rahmen. Insgesamt betrachtet liege ich nach Punkten vorn.

Zugegeben, ich bin auch in einer angenehmen Situation: Ich kann den Unterricht mit interessanteren Materialien spicken als die Lehrerin es kann, und ich gebe keine Noten – wobei letzteres eigentlich potentielle Unruhestifter eher noch anspornt. Vielleicht wissen sie das nicht??? :-)

Auch die Kleinen im Collège letzte Woche waren putzig. Ich hatte eine 6. Klasse, die nächstes Jahr ihre 2. Fremdsprache wählt, und die jetzt Einführungskurse in Deutsch haben. Die haben mich das erste Mal französisch reden gehört und haben mich alle möglichen Löcher in den Bauch gefragt; wo ich herkomme, was ich hier mache, wo ich hier wohne, warum Paris etc. Einer meinte sogar, dass ich sehr gut französisch spräche. Kleiner Schleimer. :-) Nächsten Dienstag habe ich die 2. Hälfte dieser Klasse, mal schauen, wie die so drauf sind.

Ansonsten habe ich wieder Besuch aus der Heimat, meine Patentante und ihr Gatte sind hier. Mit denen bin ich jetzt 2 Tage durch Paris gelaufen (was auch ein Grund dafür ist, warum ich heute zuhause bin). Also konnte ich weiteres touristisches Pflichtprogramm abhaken.

Ich stürze mich jetzt wieder in meine Unterrichtsvorbereitung. Die Sonne scheint gerade richtig schön auf das herbstliche Paris – ich bin glatt am überlegen, ob ich das Wetter nicht nutzen sollte und zu Sacre-Coeur rausfahren sollte…

Hat jemand meine Goodbye Lenin-DVD gesehen? Ich finde die nicht mehr, dabei habe ich den Film doch noch vor ein paar Tagen gesehen?! Ich versteh das nicht…



Montag, 30. Oktober. 35. Tag: Montmartre,
senegalesische Armbänder, Edith Piaf.


19:00 Uhr.

Meine Goodbye Lenin-DVD hatte ich meiner Lehrerin geliehen – und das natürlich vergessen. Alzheimer lässt grüßen….

Aus der letzten Schulwoche gibt es nicht allzu viel zu berichten; der Unterricht lief normal weiter (zumindest am Montag und Dienstag), es gab keine besonderen Vorkommnisse, und außerdem habe ich seit Mittwoch Ferien! 10 Tage Toussaints (Allerheiligen). Is’ auch mal ganz schön. Der Oktober war schon ein harter Monat. :-)

Das Schöne am Leben in Paris ist, dass man spontan mal eben irgendwo hingehen kann, wenn einem einfällt: „Mensch, ich wollte doch noch ein bestimmtes Foto vom Eiffelturm machen!“ oder wenn man etwas im letzten Urlaub zeitlich nicht mehr unterbringen konnte. Da das Wetter zurzeit auch ganz angenehm ist (oft scheint die Sonne und es gibt keine bis kaum Wolken am Himmel), lohnt es sich auch, die Kamera einzupacken und noch mal nach Montmartre rauszufahren.

Und so kam es, dass ich heute in gleich zwei (in Zahlen: 2!!!!) Touristenfallen getappt bin.

(Der folgende Bericht wurde zur Unterhaltung der Leserinnen und Leser etwas dramatisiert, fand aber tatsächlich statt – auch wenn nicht ganz so übertrieben wie beschrieben. Ich bitte die geneigte Leserin/den geneigten Leser, dieses bei der Lektüre der folgenden Absätze zu bedenken.)

Beginnen wir wieder chronologisch. Zuerst beschloss ich tatsächlich, dass schöne Wetter zu nutzen und zur Basilika Sacré-Coeur rauszufahren. Das ist ja auch ein wunderschönes Gebäude, und so weiß, wie das ist, gibt ein paar wunderschöne Bilder: weiße Basilika vor tiefblauem Himmel… manche meiner Aufnahmen von heute könnten von Santorin stammen! Dann war ich auch noch mal kurz drin, habe den Rundgang durch das Kirschenschiff mitgemacht (eher unfreiwillig, ich bin einfach mit dem Touristenstrom mitgeschwommen) und bin danach wieder abgehauen.

Das Problem war bloß, dahin zu kommen. Direkt von der Métrostation „Anvers“ führte der Weg durch eine Gasse, in der sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte. Da bin ich ja noch ganz gut durchgekommen.

Aber am Ende der Gasse warteten sie.

Erbarmungslos.

Auf ahnungslose Touristen.

Auf mich.

Afrikanische Souvenirverkäufer, die mit allen möglichen Tricks versuchen, ihren Schund loszuwerden. Allerdings muss ich zugeben, dass sie ihre Masche geändert haben: Vor knapp zehn Jahren durfte man nicht den Fehler machen, sie oder den Schund, den sie mit sich rumschleppen, anzuschauen. Wenn man das schaffte, hatte man relativ gute Chancen, mit gleich bleibender Menge Geld im Portemonnaie an ihnen vorbeizukommen.

Diese Chance hat man heute nicht mehr.

Heute sieht man nicht mehr, was sie einem andrehen wollen.

Aber sie sehen dich.

Und sie können riechen, dass du Tourist bist.

Ich sah also, wie sich vor dem Garten mit den Treppen zu Sacré-Coeur hinauf eine Phalanx von Souvenirverkäufern aufhielt. Es gab dort zwei Tore, das linke, durch das soeben zwei junge Damen um die 20 schritten, und das rechte. Die beiden Mädels hatten keine Chance. Zu zweit kamen sofort 2 Souvenirverkäufer auf sie zu, umzingelten sie und versuchten, ihren Ramsch loszuwerden – was immer das auch war, ich hatte es ja noch nicht gesehen. Alles, was ich wusste, war, dass sie mit komischen Bindfäden rumliefen…?

Aber ich wollte es auch gar nicht rausfinden. Ich bemerkte, dass das rechte Tor „unbewacht“ war und nutzte die Gelegenheit, unbemerkt in den Garten mit den Treppen zu gelangen. Mich auf der sicheren Seite wähnend machte ich den wohl alles entscheidenden Fehler: ich holte meine Kamera aus dem Rucksack. Der Effekt ist vergleichbar mit dem von Blut in einem Becken voller hungriger Haie.

Ich machte ein, zwei Fotos von Sacré-Coeur und wollte mich auf den Weg nach oben machen, als ich das nächste Problem bemerkte: die Treppen rechts, die ich eigentlich nehmen wollte, waren eine riesige Baustelle, und so gab es nur einen Weg nach oben: die linke Treppe.

An den Souvenirverkäufern vorbei.

„Das schaffst du, Ralf!“ machte ich mir Mut. „Du bist kein kleines blödes 20jähriges Mädchen, das sich von denen einfangen lässt! Du bist groß! Du bist erwachsen. DU BIST BÖSE! Außerdem hast du doch deinen MP3-Player gerade an und die Kopfhörer auf – wenn dich einer anspricht, dann hörst du ihn eben nicht!“ Eigentlich ein guter Plan. „Mit Kopfhörer und Sonnenbrille bist du quasi unsichtbar!“

So ging ich festen Schrittes los in Richtung Treppe. Dabei machte ich einen weiten Bogen nach rechts, um möglichst weiträumig an den Souvenirverkäufern vorbei zu kommen. Doch trotz meiner Tarnkleidung wurde ich entdeckt; ein Souvenirverkäufer kam schräg von links auf mich zu und textete mich zu. Ich wehrte ab, hob dankend, aber ablehnend, die Hand und versuchte weiterzugehen.

Er ließ nicht locker.

Er nahm meine Hand und bedeutete mir, den Zeigefinger zu spreizen.

Und diese eine Sekunde, dieser eine Moment war es, der meine persönliche Niederlage gegen alle Souvenirverkäufer der Welt einläutete: dieser unachtsame Augenblick, in dem ich jeden Gedanken an Flucht verlor und meine Neugierde siegen ließ.

Und in dem ich meinen Zeigefinger spreizte.

Ab dann ging alles sehr schnell. Ich hatte auf einmal eine Schlaufe aus vier bunten Fäden (schwarz, gelb, rot und grün) um den Zeigefinger, und er fing rasend schnell an, irgendwas daraus zu drehen. Während er friemelte, fragte er mich aus.

„Wherrre arrre you frrrom?“

„England“, antwortete ich, und das aus gutem Grunde: Ich wusste noch nicht, ob ich vielleicht würde ausfallend werden müssen. Wenn ja, wollte ich nicht, dass das auf meine Heimat zurückfällt…

„Manchester orrr Liverrrpool?“

Ich versuchte, meinen angeknacksten Stolz ob dieser Niederlage wieder aufzubauen, zog arrogant meine rechte Augenbraue hoch und sagte: „London.“

Dann faselte er irgendwas von „Misterrr Beckham“, was ich bis heute nicht verstanden habe, und fieselte weiter an diesen Bändseln rum. Dabei erklärte er: „Is good forrr you. I make you special ting cuz I like you. (sicher doch) Do you have wife orrr girlfrrriend?”

Ich biss mir auf die Zunge. „Single.“

„No prrroblem. When you go look forrr girlfrrriend, dis will make you successful. It is someting frrrom Senegal, and is good for love life, make your penis large.”

Ich dachte, ich höre nicht richtig. ‚Wieso erdreistet sich dieser Fatzke zu behaupten, dass ich einen größeren Penis nötig hätte?!?!?!?!?!?!’ Ich fragte etwas trocken: „How much is this thing going to cost me once it’s finished?“

Die Antwort hätte ich mir denken können. „No charrrge forr you, is special cuz I like you!” Natürlich. Und an den Weihnachtsmann glaube ich auch noch. Nee, is’ klar.

Als er fertig war, stellte sich heraus, dass es sich um ein Freundschaftsband handelt, was man sich ums Handgelenk bindet. Er knotete es mir um das rechte Handgelenk. „Is good forrr you, now you have good luck with a girlfrrriend, and you make good tschika-tschika!”

Dieses war eigentlich der Punkt, wo ich ihm eine hätte scheuern sollen. Erst geht er davon aus, dass mein Lulumann zu klein sei, und nun setzt er noch einen drauf und behauptet, dass ich ab jetzt gut im Bett sei!!! Woher will der Typ das wissen?! Mit dem war ich schließlich nicht im Bett!!! (Und dazu wird es auch nicht kommen, nach diesen Frechheiten!)

Ich wollte mich entfernen, da fing er an, was von Geld zu reden. Ich lasse die folgende Debatte an dieser Stelle mal weg (er hatte ja gesagt, dass es „no charrrge“ geben würde) und präsentiere das Ende: Er wollte 10 EUR haben, ich habe ihn auf sechs runtergehandelt (was eigentlich immer noch zuviel ist – aber ich wollte nur noch weg von dem Typen, der mein sensibles Ego so gekränkt hat).

Zum Abschied warnte ich ihn: „If this thing isn’t working and my tschika-tschika isn’t getting better, I’m coming back to get my money back!“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das auch so verstanden hat.

Tja. Und nun trage ich am rechten Handgelenk ein schwarz-gelb-rot-grünes senegalesisches Freundschaftsarmband für sechs Euro von einem Typen, der glaubt, ich hätte einen kleinen Lulumann und schlechten Sex. Dazu kommt, dass das Scheißding etwas zu eng ist. Ich hoffe, dass es sich etwas weitet, wenn es erstmal nass geworden ist beim Duschen oder so.

Bevor entsprechende Anfragen kommen: Ich werde hier nicht schreiben, ob mein tschika-tschika besser wird oder irgendwas wächst!

Auf zur zweiten Touristenfalle.

Ich hatte beschlossen, dass ich nach Sacré-Coeur das Edith Piaf Museum besuchen wollte. Noch etwas angefressen machte ich mich auf den Weg und fand schließlich die Strasse, in dieses ominöse Museum sein sollte. Ich wusste, dass es ein privates Museum ist, und in dem Haus, in dem ich das Museum erwartete, war im Erdgeschoss ein Frisör. Ich schaute suchend die Fassade ab in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu finden – und da passierte es.

Ich trat in die nächste Touristenfalle.

Die Pariser wissen ja in der Regel, a) wo sie sich gerade befinden, wenn sie einen Bürgersteig entlang laufen, und b) wohin sie wollen. Der Tourist weiß das oft nicht, und so schaut er sich suchend um – und übersieht die Hundescheiße, die sich überall auf den Gehwegen der Stadt verteilt. Laut meinem Reiseführer gibt es in der Stadt rund 300.000 Hunde, die jährlich 20 t Scheiße produzieren.

Und in ein Viertelpfund davon latschte ich genau vor dem Edith Piaf Museum. Meine Stimmung wurde prompt noch ein paar Grad frostiger. Und dann versucht mal, in dieser Stadt eine Rasenfläche zu finden, um das wieder abzuwischen!!! Keine Chance!!!

Dazu kam, dass am Hauseingang, den ich inzwischen fluchend und mit dem linken Fuß scharrend gefunden hatte (ein kleines Schild wies sehr dezent drauf hin), ein französisches Paar mit dem Besitzer telefonierte, der oben war und sie einließ. Man muss dort nämlich anrufen und einen Termin ausmachen, aber wenn man so dahin geht und nix los ist, lässt er einen auch so rein. Die zwei betraten jedenfalls das Haus und boten mir an, mitzukommen, was ich aber leider ablehnen musste – ich wollte erstmal meinen Schuh sauber kriegen. So konnte ich ja nirgends reingehen.

Ich kürze wieder mal ab. Nachdem ich der Meinung war, wieder ein Haus betreten zu können, stand ich wieder vor dem Museum und telefonierte mit dem Besitzer und bat um Einlass. Eine Dame aus Tschechien (ca. 40) gesellte sich zu mir, und gemeinsam besichtigten wir nun das Museum. Tja. Etliche Bilder von ihr, ein paar Kleider, ein paar Originalgegenstände – mehr war’s ehrlich gesagt nicht. Nicht mal mehr Fotos durfte man machen („Pas de photos, s’il vous plaît, c’est un appartement privé.“) Nach 10 Minuten war ich da wieder raus. Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll… Eigentlich war’s ja ganz nett gemacht. Aber ein paar Erklärungen zu den Dingen wären schon ganz nett gewesen. Vielleicht bekommt man die nur mit Termin? Ich weiß es nicht. Was mich allerdings störte, war, dass es dort auch jede Menge Kitsch gab, zum Beispiel Gläser mit ihrem Aufdruck etc…

Naja, nun habe ich das Grab und das Museum von Edith Piaf gesehen. Hm. Hier müsste jetzt irgendeine Schlussfolgerung hin. Mir fällt aber keine ein.

Soviel zum heutigen Tage. Er war recht ereignisreich, wie ihr seht.

Bis demnächst in diesem Theater!

"Non, je ne regrette rien..."
30.10.06 21:09
 



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