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Die 11. Woche (12. Dez.)

Dienstag, 12. Dezember. 78. Tag: Erste Problemfalllösungen, Versailles, soziale Bewegungen.

11:30 Uhr.

Ich stelle soeben fest, dass ich mir nicht sicher bin, mit wie vielen „l“ das Wort „Problemfalllösung“ geschrieben wird. Mit 3? 4? 12? Ich weiß es nicht, gehe aber von 4 aus: eins vor dem „emfa“ und drei dahinter... Möge mich jemand, der der reformierten Rechtschreibreformrechtschreibform (sehr schönes Wort) mächtig ist, mich bitte aufklären.

Bereits eine Woche nach Feststellen der ersten Problemfälle (mit 3 „l“) freue ich mich, auch schon die erste Lösung (mit einem „l“) präsentieren zu können: der Schüler mit der ungehobelten Ausdrucksweise hat mir letzte Woche seinen neuen Text gegeben. Eine Woche zu spät, aber immerhin. Aber ich werde ihn mir nochmal zur Brust nehmen müssen – denn alleine hat er denn nicht geschrieben...

Der andere Fall kommt heute Abend. Da ich die Klasse seit der Stunde, die mir so entglitten ist, nicht wieder hatte, kann ich dazu noch nichts sagen. Ich harre der Dinge.

Da ich wieder Besuch hatte dieses Wochenende (Gruß nach München an dieser Stelle), trug es sich zu, dass ich endlich nach Versailles gekommen bin. Leider wird der Spiegelsaal zur Zeit renoviert, dafür aber waren die königliche Kapelle und die Oper geöffnet. Das Schloss, dessen Fassade ebenfalls zur Zeit hinter Baugerüsten verschwindet, ist dennoch immer wieder sehenswert. Die Fotos werde ich demnächst ins Netz stellen.

Ich war auch mit dem Gast in Paris unterwegs und stellte mal wieder fest, dass ich fürchterlich inkonsequent bin. Ich bin in einer Kneipe gelandet, in der man 7,50 EUR für ein Bier (0,33l) bezahlt. Das Dumme war, ich war da schon mal gewesen und hatte mir eigentlich geschworen, dort nie wieder einzukehren... Oh-oh. Ich arbeite dran.

Wisst Ihr, was eine „soziale Bewegung“ ist? Auf den ersten Blick hört sich das doch sooo falsch nicht an: Man ist versucht zu glauben, dass es um behinderte Kinder, Obdachlose oder an Typhus erkrankte Fruchtfliegen (drosophila melanogaster) geht, denen mit dieser Bewegung geholfen werden soll.

Aber diese drei Gattungen stehen nicht im Zentrum des sich zur Zeit in Paris organisierenden Interesses, mitnichten, es geht um eine andere, vom Schicksal gebeutelte Gruppe: Eisenbahnmitarbeiter. (Ob die vielleicht behindert, obdachlos oder an Typhus erkrankt sind, entzieht sich meiner Kenntnis.) Die sind aber ziemlich pfiffig. Denn der Grund, warum ich gestern und heute Morgen längere Wege in Kauf nehmen und neue Routen erkunden musste, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen, sind nicht popelige „Streiks“ oder „Arbeitskampfmassnahmen“. Nein, in Frankreich, dem „champion de grève“ („Streikweltmeister“ laut Aussage eines Kollegen) nennt man so etwas „mouvement social“, eine „soziale Bewegung“. Diese dient dazu, um „gegen die Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen durch die neuen Fahrpläne“ (Quelle: latribune.fr) zu protestieren. Ist zwar meiner Meinung nach immer noch ein Streik, der mir Probleme bereitet, nach Hause oder zur Arbeit zu kommen, aber ich werde mich doch nicht gegen eine „soziale“ Bewegung stellen! Das wäre ja völlig unsozial, wenn ich mich darüber beschwerden würde, dass ich nicht rechtzeitig zur Arbeit komme. Deswegen halte ich jetzt auch einfach den Mund.

So habe ich versucht, im Internet Informationen über die Züge zu finden, die noch fahren, und befürchte, dass das noch abenteuerlich heute wird. Denn immerhin ist der Dienstag mein härtester Tag: Ich habe die erste Stunde um 8 Uhr im Collège, dann im Laufe des Tages zwei weitere Stunden dort, um schließlich meine letzte Stunde des Tages von 16.30-17.30 Uhr am Lycée zu geben. Wenn ich dann normalerweise gegen 17.45 Uhr nach Hause fahre, bin ich gegen 19 Uhr zu Hause, nachdem ich morgens um 6 Uhr die Wohnung verlassen habe. Dass ich diesen 13-Stunden-Tag jede Woche für knapp 800 EUR im Monat abreiße, will ich mal nicht an die große Glocke hängen. Ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Denn erstens wäre das unsozial, und zweitens müssen die Eisenbahner bestimmt unter noch härteren Bedingungen arbeiten.

Hm... Ich frage mich, was die sagen würden, wenn ich mal eine „soziale Bewegung“ lostreten würde. Ich würde es natürlich nicht „Streik“ nennen, um zu zeigen, was ich schon alles gelernt habe in Frankreich. Aber wahrscheinlich wäre es ihnen eh egal... Und ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Die haben ja bestimmt recht. Außerdem ist es eine ja „soziale Bewegung“.

Jedenfalls habe ich auf meiner Sozialbewegungssonderfahrplaninformationssuche eine Seite der SNCF entdeckt, wo Sozialbewegungssonderfahrplaninformationen angegeben sind. Gleichzeitig durfte ich eine Kostprobe des französischen Humors genießen: auf der Seite www.abcdtrains.com findet man neben den Sonderfahrplänen den bissigen Kommentar: „Voici des horaires qui vous seront plus utiles que nos excuses“ – „Hier sind die Fahrpläne, die Ihnen mehr nutzen werden als unsere Entschuldigungen“. Tolle Einsicht, oder? Aber wie gesagt, das geht bestimmt schon so in Ordnung mit der „sozialen Bewegung“. Und ich will mich ja auch gar nicht beschweren, das wäre ja unsozial.

Und auf dieser Seite habe ich festgestellt, dass die Züge nur noch dreimal pro Stunde fahren und wahrscheinlich dementsprechend voll sein werden. Ich freue mich schon total darauf nach meinem 13-Stunden-Tag. Aber egal. Ich will mich ja auch nicht beschweren.

Es gibt einen neuen Witz der Woche.

Gruß aus Paris,

ein sich nicht beschwerender Ralf
12.12.06 12:39
 



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