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Die 10. Woche (05. Dez.)

Dienstag, 05. Dezember. 71. Tag: Erste Problemfälle, Schirikarten, Anredeformeln, Latein.

09:45 Uhr.

Seit zehn Wochen halte ich mich nun in diesem Land auf und arbeite in den Schulen, und so langsam stellt sich die Routine ein. Meine Unterrichtsvorbereitung läuft besser, d. h., dass ich jetzt besser abschätzen kann, was ein durchschnittlicher französischer Schüler in 55 durchschnittlichen Unterrichtsminuten schaffen kann.

Außerdem stelle ich fest, dass sich mein Französisch verbessert, obwohl noch der eine oder andere Patzer vorkommt. Schönes Beispiel: Heute Morgen fragten mich Schüler über meine Kinogewohnheiten aus, und ich erzählte meine Einstellung zur „Herr der Ringe“-Trilogie (laaaaangweilig!!!). Der Titel heißt auf französisch „Le Seigneur des Anneaux“ (sprich: „anno“). Ich sprach ihn allerdings falsch aus und machte daraus „Le Seigneur des Agneaux“ (sprich: „anjo“) – „Der Herr der Lämmer“. Die Reaktion der Schüler könnt Ihr Euch denken...

Routine bedeutet aber auch, dass sich die Schüler an „l’assistant“ gewöhnt haben. So ist es in der letzten Woche zu zwei Problemfällen gekommen. Der eine Schüler aus der terminale fand es witzig, in einer Aufgabe, in der die Schüler einen Brief schreiben sollten, Schweinereien einzubauen. Die Anrede „Hallo, mein kleiner Schwanz“ ist dabei noch einer der harmloseren Ausdrücke, die anderen nicht wirklich zitierfähig.

Ich möchte an dieser Stelle der Vermutung entgegen wirken, ich sei prüde (was bis zu einem gewissen Grad sicherlich zutrifft), aber in diesem Falle war ich echt sauer! Erstens bin ich der Meinung, dass solche Sachen in einer Schulaufgabe nichts zu suchen haben, und zweitens fühle ich mich ein wenig auf den Arm genommen. Da denkt man sich Aufgaben aus, um den Schülern zu helfen, sich aufs Abitur vorzubereiten, und was erhält man als Dankeschön? „Machst dir keine Sorgen um deine Freundin, ich bin mit ihr und sie schläft mit mir.“ Bezeichnenderweise sind diese Sätze auch die mit den wenigsten Fehlern...

Ich habe den Schüler am Montag letzter Woche gebeten, den Text neu zu schreiben und mir bis Donnerstag ins Fach zu legen – was bis heute nicht geschehen ist. Ich bin noch am überlegen, was ich jetzt machen soll.

Der zweite Fall ist wieder ganz anders; es geht um meine seconde am Dienstag (Sehr)Spätnachmittag von 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Da sind die Schüler einfach nur noch müde und unkonzentriert (was ich ja auch gut nachvollziehen kann). Trotzdem müssen sie einfach mitarbeiten, denn das müssen sie in den anderen Fächern ja auch.

Ich habe letzten Dienstag versucht, etwas weniger Anspruchsvolles zu machen und habe ein Lied eingebaut. Ich werde jetzt nicht die gesamtye Stundenplanung rezitieren, nur soviel: zum Ende der Stunde hin entglitt mir die Kontrolle, und die Stunde versank im Chaos. Vorher haben sie schon nicht die Aufgaben bearbeitet, die ich ihnen gegeben hatte (Arbeit mit dem Stadtplan von Osnabrück), sondern gequasselt, und beim Lied passten sie überhaupt nicht mehr auf.

Zum Glück war die Stunde dann auch zu Ende, denn ich hatte auch keinen Bock mehr. Deswegen habe ich beschlossen, die Zügel deutlich fester zu ziehen. Ich bin zwar kein „richtiger Lehrer“, der Noten geben darf, aber immerhin habe ich den Status als solcher und bin nicht hier, um die Schüler zu belustigen. Das heißt, dass ich das schulintern übliche Bestrafungssystem ab sofort anwenden werde. (Muuah-ha-ha-haarr!)

Ein Schüler tat sich dabei besonders hervor. Der Typ quasselt die ganze Zeit, hat dabei aber einen trockenen Sinn für Humor und einen schlagfertiges Mundwerk, die es mir schwer machen, zumindest nicht zu grinsen. Welcher Schüler nimmt einen solchen Pädagogen noch ernst?!

Meinem englischen Kollegen geht es genauso, allerdings hat er sie am Donnerstag Morgen (Englisch 2. Fremsprache). Ihr glaubt nicht, was dieser Schüler dort gemacht hat: Sie bearbeiteten einen Zettel mit Ankreuzaufgaben, und er hat einen Freund ein Foto mit dessen Handy machen lassen, sich das Foto per MMS zuschicken lassen und dann versucht, die Antworten bei sich anzukreuzen!!! Unglaublich, oder?!

Mein Kollege und ich kamen dann darin überein, dass er „witty“ (gewitzt) sei. Zum Schluss meinte er dann mit dieser typisch englischen, trockenen Art und Weise: „You’d want him as a friend, not as a student.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. :-)

Ich war neulich wieder an der Place d’Italie und wollte in dem Sportartikelgeschäft Schiedsrichterkarten kaufen. Natürlich hatte ich vorher vergessen zu fragen, wie die Dinger auf französisch heißen („cartons d’arbitre“). Egal, ich lernte das dann im Sportartikelgeschäft. Die hatten aber keine. „Na gut“, dachte ich, „versuchstes mal oben im Spielwarenladen.“ Dort suchte ich zwischen den hohen Regalen nach Sportartikeln. Da sprach mich eine junge Mitarbeiterin des Geschäftes an undd fragte, ob sie mir behilflich sein könne. Daraufhin erklärte ich ihr: „Oui, je cherche des cartons d’arbitre. – Ja, ich suche Schiedrichterkarten.“

Ich weiß nicht, ob es an meinem Akzent lag oder so, jedenfalls verstand sie nicht, was ich suchte. „Ist das ein Spiel?“ fragte sie. Ein Spiel?! Häh?! Nein, eine rote und eine gelbe Karte aus Plastik, mehr will ich nicht!

Ich erklärte ihr, was ich meinte. Sie schüttelte den Kopf und meinte, sie würde einen Kollegen holen, sie verstünde nicht, was ich wolle. Frauen und Fußball...

So standen auf einmal 3 (!) Verkäufer um mich herum und versuchten herauszufinden, was ich suchte. Ich: „Cartons d’arbitre!“ Er: „Ist das ein Spiel?“ Mir wurde bewußt, dass ich vorne anfangen muss. Ganz weit vorne. „Bei einem Fußballspiel gibt es 22 Spieler und einen Schiedsrichter, stimmt’s?“

Er nickte. So weit, so gut.

„Wenn ein Spieler einen anderen foult, bekommt er eine gelbe oder rote Karte, stimmt’s?!

Erneutes Nicken.

„Und genau diese Karten suche ich, aus Plastik, die möchte ich gerne kaufen.“

Ein Leuchten ging über sein Gesicht. „Ah, les cartons d’arbitre!“

Ja, redete ich denn hier Swahili?!!

„Nee, die haben wir hier nicht.“

Ich verließ den Laden und tat das, was ich sofort hätte tun sollen: ich bastelte sie mir selber aus Pappe...

In meinen Kollegien ist es so, dass sich alle Lehrer duzen. Ich sieze sie am Anfang alle, aber meistens bieten sie mir dann das du an. Oder ich duze sie, wenn sie mich auch duzen. In England wäre das nicht so schwierig: „You can say ‚you’ to me!“

Bis auf eine Ausnahme: meine Lehrerin.

Jetzt rief sie mich neulich an und sagte „Bonjour, Ralf – ich darf Sie Ralf nennen?“ Ich bejahte und hoffte, dass sie mir bald auch das du anbieten würde, denn es nervte mich ein wenig. Also sprach ich das Thema am nächsten Morgen in der Schule an und erklärte ihr, dass es in Deutschland als unhöflich gilt, wenn ein jüngerer Mensch einem älteren Menschen das du anbietet. Deswegen hätte ich das nicht gemacht, aber natürlich dürfte sie mich Ralf nennen.

Sie quittierte das mit einem nervösen Kichern und sagte, dass wir später darüber reden würden.

Ich beginne zu verstehen, was mein Vorgänger an dieser Schule mit „zugeknöpft“ meinte, als er diese Dame beschrieb...

Auf spiegel.de war neulich wieder eine interessante Seite: ein Lateintest! Juchu! Ich habe bei dieser Gelegenheit meine Fotoseite in eine Linkseite umgewandelt, und dort findet Ihr jetzt auch den Link zum Latein.

Und der Witz der Woche wurde natürlich auch aktualisiert.

Das wär’s erstmal von hier!

A la prochaine,


Ralf

PS: Die Champs-Elysées sind herrlich geschmückt – und rappelvoll mit Touristen und Weihnachtseinkäufern. Die standen sogar vor dem Disney-Store Schlange...
5.12.06 11:02
 



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