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Die 24. Woche (24. Apr.)

Dienstag, 24. April. 181. Tag: Turnier, cadeaux, vorläufige Rückkehr nach D, Hinflug & Veränderungen, Gepäckprobleme, Fazit.

Der letzte Eintrag. Denn mal los...

Turnier

Mein langersehntes Fußballturnier sollte ja am Donnerstag, den 05. April stattfinden. Die gesamte Planung stand. Aber dann wurde es nochmal spannend.

Denn die Schüler haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zurzeit gibt es hier folgendes Problem: Ein Schüler mit nordafrikanischer Herkunft (Côte d’Ivoire) des Lycéees sollte nach dem baccalaureat abgeschoben werden. Das ist insofern gemein, dass seine Mutter, ebefalls gebürtige Elfenbeinküstlerin (?) , inzwischen einen Franzosen geheiratet hat und die frz. Staatsbürgerschaft besitzt. Dagegen wollen die Schüler nun protestieren. (Also nicht gegen die frz. Staatsbürgerschaft der Mutter, sondern... ihr wisst schon...)

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn sich Schüler solidarisieren, einsetzen und dabei vielleicht auch mal einen Eintrag in Ihrer Akte riskieren. Nur warum um alles in der Welt mussten sie sich den 05. April aussuchen, um vor dem Schulverwaltungsgebäude in Versailles zu demonstrieren?! Den Tag, an dem mein Fußballturnier stattfinden sollte?!

Kurzer Exkurs: Warum ich das Turnier „mein“ Turnier nenne? Nun, offiziell hatte ich es ja mit Hugo, unserem englischen Assistenten organisiert. Praktisch sah es aber so aus: Ich hatte die Idee. Ich habe zugesehen, dass wir mit der Direktorin reden. Ich habe den schriftlichen Antrag geschrieben. Ich habe den Spielplan gebastelt. Ich hatte meine Schüler angesprochen und tatsächlich 14 Mitspieler aus meinen Deutschkursen gefunden. Ich, ich, ich!

Entschuldigung, aber das musste einfach mal sein. Was ich eigentlich aber sagen wollte, war, dass ich die meiste Arbeit damit hatte. Aber genug des Eigenlobs. Davon kommt ja noch mehr im Fazit. :-)

Jedenfalls stand den ganzen Tag das Turnier auf der Kippe. Falls um 15.30 Uhr Schüler dort auftauchen würden (es war ja niemand mehr im Lycée; sie waren demonstrieren oder schwänzten), würde gespielt werden; falls nicht, dann nicht.

Umso mehr freute ich mich, dass von meinen 14 Schülern immerhin 9 gekommen sind. Dafür sind 5 andere aufgetaucht, die noch in meinen LV2-Klassen waren (also Deutsch als 2. Fremdsprache). Von Hugos Leuten, so mussten wir leider feststellen, kam kein einziger. Da war ich echt stolz auf meine Schülerinnen und Schüler!!!

Wir haben dann ein kleines Turnier mit 3 Mannschaften à 6 Spieler gespielt. Hugo und ich haben auch mitgespielt. Fragt lieber nicht, wieviele Tore ich geschossen habe. Fragt lieber, wieviele ich verursacht habe... obwohl... nee, fragt das lieber auch nicht... :-)

Cadeaux

Letztes Mal hatte ich ja geschrieben, dass mir zwei Schüler aus dem Lycée ein Abschiedsgeschenk machen wollten. Die zwei Chaoten aus der Seconde. Nun, sie haben mir das beste Geschenk gemacht, dass Schüler einem Lehrer machen können: nämlich gar keins. Sie haben es wohl vergessen oder verschusselt oder ver-was-weiß-ich-was-t. Sie haben zwar angekündigt, es mir heute geben zu wollen, aber ich gehe davon aus, dass dieser Plan wie der erste an der praktischen Durchführung scheitert.

Dafür haben mir allerdings die Lehrer des Collège eine Überraschung gemacht (der findige Leser wird bereits gemerkt haben, dass ich in der Überschrift die Mehrzahl gewählt habe...). Nachdem ich ja vor Ostern den Schokokorb hier hingestellt hatte, haben sie zwei Bücher über Paris für mich gekauft und (fast) alle drin unterschrieben. Das hat mich sehr gefreut! :-)

Vorläufige Rückkehr nach D

Dem einen oder anderen habe ich es ja bereits erzählt, aber die Rückkehr nach Deutschland mit dem Nachtzug war ziemlich chaotisch. Ich kam rechtzeitig mit dem Taxi am Gare du Nord an (mit 5 Gepäckstücken wollte ich nicht noch durch die Métro), suchte meinen Waggon, und ab dann gab es ein heilloses Durcheinander. Ich fand meine mir laut Buchung zugeteilte Liege. In dem Abteil saß eine dänische Familie, die ziemlich lange Gesichter machten, dass ich da auch noch rein wollte, denn immerhin hatten sie ein Abteil für sich gebucht, um als Familie ungestört zu sein. Dann war da noch eine dänische Mutter mit Tochter, die dummerweise in zwei verschiedenen Abteils gebucht waren. Dazwischen ich, der mit jeder Menge Gepäck den Gang verstopfte.

Als der Schaffner endlich alle untergebracht hatte und ich anfing, meine Liege zu machen, stellte ich fest, dass der Zug bereits fuhr... So konnte ich mich nicht einmal richtig beim Hinausfahren von Paris verabschieden...

Dann diese Liegen!!! Die durchschnittliche Liege ist wohl 1,80m lang. Ich bin durchschnittlich 1,86m lang. Selbst die Diagonale reichte nicht aus! Und die sind hart, diese Liegen! Ich lag wach, pennte, dachte, ich sei wach, Halbschlaf, Vollschlaf, kein Schlaf... ich war froh, als mich endlich der Schaffner weckte. Einziger Lichtblick: Wir kamen auf die Minute pünktlich in OS an!

Die anschließenden zwei Wochen in OS waren nett; ich konnte mich recht schnem wieder an den Alltag dort gewöhnen.

Hinflug & Veränderungen

Jetzt bin ich aber wieder hier (Hinflug mit der Lufthansa hat gut geklappt), und ich muss feststellen, dass sich einiges verändert hat: Früher gab es einen kostenlosen Shuttlebus, der die Terminals vom Flughafen Charles de Gaulle miteinander verbunden hat. Der wurde jetzt abgeschafft, denn es gibt jetzt einen kostenloses automatischen Zug, der diese Terminals verbindet. Dieser wurde Anfang April eröffnet – und das wußte ich nicht. So stand ich am Freitag eine Viertelstunde lang an der alten Bushaltestelle. Irgendwann fand ich dann auch den Hinweiszettel, der darauf hinweisen sollte.

Der neue Zug selber war ganz witzig. Ich stand ganz vorne, wo normalerweise der Fahrer sitzt. Es war aber auch ein komisches Gefühl, so völlig machtlos dieser Maschine ausgeliefert zu sein.

Die zweite frappierende Veränderung sind die Blätter, die während meiner Abwesenheit auf den Bäumen gewachsen sind. Ich kann nun nicht mehr sehen, ob mein Nachbar aus dem Haus schräg gegenüber Fußball schaut oder Pornos...

Gepäckprobleme

Ansonsten musste ich bei meiner Ankunft in Paris feststellen, dass ich im Abreisechaos in OS wohl die eine oder andere wichtige Sache vergessen hatte oder sinnlose Dinge eingepackt hatte.

Zum Beispiel mein Handyladegerät. Das ist eigentlich ein wichtiges Gerät, das man auf Reisen gerne vergißt, aber nicht vergessen sollte.

Ich habe es auch nicht vergessen, aber gebrauchen kann ich es dennoch nicht. Denn ich habe kein Handy hier, dass ich aufladen könnte... Das liegt nämlich auf meinem Nachtisch in OS, und wenn ihr meine Nachbarn mit meinem Klingelton ärgern wollt, lasst Ihr einfach bei mir sturmklingeln, bis der AB rangeht... oder der Akku sich verabschiedet. Laut Produktbeschreibung hat das Handy eine Standbyzeit von rund 370 Stunden. Ich schätze, dass der Akku noch ca. 75% voll war, was die Standbyzeit auf rund 277,5 Stunden reduziert. In Tagen wären das 11,6 Tage. Das heißt, dass das Handy bei meiner Rückkehr noch an sein könnte, es sei denn, Ihr nudelt jetzt zum Leidwesen meiner Nachbarn den Akku leer. :-)

Des Weiteren habe ich mein Wörterbuch in OS vergessen. Aber halb so wild, eine Woche geht auch so um.

Fazit

Lange schon wälze ich in meinem cerebrum umher, was ich hier nun schreiben soll. Ich lege einfach mal los...

War es richtig, nach Frankreich zu gehen?
Ja. Davon bin ich überzeugt. Denn ich persönlich konnte in vielerlei Hinsicht profitieren: Erstens: Ich konnte mein Französisch verbessern. Es ist zwar noch weit davon entfernt, perfekt zu sein, ist aber besser als vorher. Zweitens: Ich konnte Unterrichtserfahrung sammeln – etwas, was im normalen Studium ja nun eher selten, meiner Meinung nach aber extrem wichtig ist. Dabei konnte/musste/durfte ich auch lernen, dass es schöne Stunden gibt und weniger schöne; Stunden, wo man das Gefühl hat, dass sie zu schnell vorbei gehen, und Stunden, wo man froh ist, wenn sie endlich um sind. Es gab nette Schüler, es gab... naja... andere Schüler.

Konnte Frankreich von meinem Aufenthalt profitieren?
Interessante Frage. Da ich Angestellter des französischen Bildungsministeriums bin, dürfte es den französischen Steuerzahler am meisten interessieren, ob es auch den Franzosen etwas gebracht hat.

Ich würde diese Frage vorsichtig mit einem zart gehauchten „ja“ beantworten. Insgesamt ist es schwierig zu sagen, ob es bei den Schülern einen Lernfortschritt gab. Da ich ja kein „richtiger“ Lehrer bin und kein Unterrichtsbuch habe, wo ich nach ein paar Lektionen eine Klassenarbeit schreiben kann, um so den Fortschritt zu messen und zu beurteilen, ist es schwer zu sagen, ob die Schüler Wissen generieren konnten. Dennoch glaube ich, dass sie profitiert haben, sei es durch neue Vokabeln oder grammatikalische Vertiefungen. So habe ich zum Beispiel gestern gesehen, dass Schüler eine Deklinationstabelle benutzt haben, die ich mit ihnen erstellt und ausgefüllt habe. Ganz so unsinnig kann meine Zeit hier nicht gewesen sein.

Konnte Deutschland von meinem Aufenthalt profitieren?
Noch eine interessante Frage. Ich denke ja. Einerseits konnte ich mich weiterentwickeln, um später ein besserer Lehrer zu sein. Andererseits denke ich, dass ich auch ein guter und loyaler Repräsentant meines Landes war. Die Schüler mochten mich, meine Kollegen auch; ich denke, ich habe Deutschland ganz gut vertreten hier.

Was hat sich für mich verändert?
Auch wenn man es kaum glauben mag, aber: einiges! Fangen wir mit den körperlichen Veränderungen an: Ich habe ca. 25kg Gewicht verloren, das entspricht ca. einem Viertel meines ursprünglichen Gewichts. Grund dafür war nicht eine eiserne Diät oder die hohen Preise in Paris, sondern Magenprobleme. Deren Behandlung steht in Deutschland auf meiner „to do“-Liste gaaanz weit oben.

Andererseits meine Sicht von Paris. Ich bin immer ein großer Fan dieser Stadt gewesen. Ich kannte sogar Paris besser als Berlin (sogar vor meinem Aufenthalt hier). Ich glaube, ich hatte immer eine sehr romantische Sicht von der Stadt (ich sag nur Schlagworte wie „die Stadt der Liebe“). Jetzt ist mir bewusst geworden, dass Paris im Prinzip eine Stadt wie jede andere ist. Knapp über zwei Millionen Einwohner versuchen hier, ihr Leben zu leben, zu arbeiten, zu wohnen etc. Dann sind da noch all die Touristen und ein paar Sehenswürdigkeiten.

Aber ich liebe ich diese Stadt deswegen weniger? Nein. Ich habe das Gefühl, dass sich mir ein bißchen das wahre, authentische Paris offenbart hat, dass mir die Stadt ein wenig von seiner Wirklichkeit gezeigt hat. Alle touristisch interessante Orte habe ich sicherlich auch nicht gesehen, aber das ist ok. Ich wollte das echte Paris kennen lernen, und das habe ich.

Ansonsten weiß ich, dass ich wieder meinen Horizont erweitern konnte, denn ein halbes Jahr in einem fremden Land hat mir auch viele neues Sichtweisen beschert – und neue Themen (man denke nur an die Wahlen, die Ausschreitungen am Gare du Nord oder die deutsch-französischen Beziehungen und, und, und...). um es mal mit den Worten von Edith Piaf auszudrücken: „Non, je ne regrette rien“.

Sonst noch was?
Nö. Ich glaube, ich habe alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Damit werde ich jetzt auch diesen letzten Blogeintrag langsam, aber sicher, nach Hause schaukeln.

Spätestens im Sommer werde ich dieses Blog löschen, da es mit meiner Rückkehr am Sonntagabend nach 186 Tagen bzw. nach 24 Wochen seine Aufgabe erfüllt hat (Ankunft in OS gegen Mitternacht). Ich habe aber alle Einträge von mir uns Gästebucheinträge als .doc-Dokument aufbewahrt.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei den fleißigen Leserinnen und Lesern fürs Lesen und bei den Feedbackgeberinnen und Feedbackgebern fürs Feedbackgeben bedanken.

Im Falle eines Falle bin ich noch bis Donnerstagmittag per Mail zu erreichen.

Au revoir, chère France!


Ralf

PS: Ich stelle gerade fest, dass 186 Tage nicht 24, sondern 26 Wochen entsprechen. Irgendwo habe ich mich wohl verzählt. Egal. Jetzt habe ich auch keinen Bock mehr, das zu überprüfen...
24.4.07 11:16
 



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