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Die 13. Woche (09. Jan.)

Dienstag, 09. Januar. 93. Tag: Flugchaos, Schulanfang.

10:40 Uhr.

Dann bin ich wieder: neues Jahr, dieselbe Stadt, dieselbe Schule, dieselben Schüler – und ich nerve wieder mit meinem Blog...

Zunächst ein kurzer Rückblick in die jüngste Vergangenheit. Wir schreiben den 22. Dezember 2006 n. Chr. Ich kam um kurz vor acht Uhr morgens am Flughafen Charles de Gaulle an, um nach Hamburg zu fliegen. Dort stellte ich fest, dass innerhalb von ca. 2 Stunden 10 Lufthansaflüge nach Deutschland gingen – und das überforderte dann offensichtlich denn ganzen Laden. Horrende Menschenschlangen standen dort, und im Endeffekt starteten wir mit einer Dreiviertelstunde Verspätung.

Das Witzige daran war, dass die anderen Passagiere aus dem europäischen Ausland völlig verwirrt darüber waren. Eine Französin fragte mich, ob das normal sei, wo die Deutschen normalerweise doch so effizient und organisiert seien. Ich versicherte ihr, dass ein solches Chaos die Ausnahme sei – was es für mich ja auch war. Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll, ein bisschen, naja, sagen wir mal „südländische Leichtigkeit“ oder „Nachlässigkeit“ bei der Lufthansa zu entdecken...

Ansonsten waren die zwei Wochen in Deutschland schön, danke an dieser Stelle nochmals an alle! Es tat gut, mal wieder ein wenig „Heimat zu tanken“, obwohl mir Paris nach einer Woche schon wieder fehlte...

In dieser kurzen Zeit ist auch nicht allzu viel passiert, weshalb dieser Eintrag auch entsprechend kurz sein wird.

Natürlich habe ich den „Witz der Woche“ aktualisiert.

Bonne année & meilleurs voeux à tous!


Ralf
9.1.07 11:17


Die 12. Woche (19. Dez.)

Dienstag, 19. Dezember. 85. Tag: Handys, Streiks, surrealer Unterricht mit Bowling, Europaparty.

09:45 Uhr.

Heute Morgen stieß ich auf eine interessante Frage: Ist es in Frankreich erlaubt, beim Autofahren mit dem Handy zu telefonieren? Wir wissen ja alle, was uns in Deutschland blüht: 40 EUR für die Staatskasse und ein Punkt in Flensburg. Daher fragte ich mich, ob das hier ähnlich strikt sein gehandhabt wird, als ich heute Morgen mit dem Bus vom Bahnhof zur Schule gefahren bin und den Fahrer dabei beobachtete, wie er mit einer Hand den Bus steuerte – und mit der anderen sein Handy...

Die „soziale Bewegung“ von letzter Woche, über die ich mich nicht beschwert habe, weil das ja unsozial wäre, ging noch bis Sonntag. Besonders spaßig wurde es am Donnerstag. Ich kam um 07:20 Uhr morgens am Gare St. Lazare an, wo die Ersatzzüge abfuhren, und stellte fest, dass der nächste Zug in meine Richtung um 07:51 Uhr abfahren sollte. Tolle Wurst. Ich konnte also eine halbe Stunde morgens in diesem klassischen, kalten Pariser Kopfbahnhof verbringen.

Dann wurde es aber richtig toll: Etwa 5 Minuten vor der geplanten Abfahrt wurde dann endlich das Gleis angezeigt, wo der Zug abfahren sollte. Daraufhin strömten Hunderte Leute los und standen wenige Minuten später in 3. und 4. Reihe auf dem Gleis, um in jenen Zug zu gelangen.

So weit, so gut.

Um 5 vor 8 fuhr der Zug endlich ein. Bereits also mit Verspätung, denn er sollte ja um 10 vor 8 abfahren. Interessanterweise war der Zug gerappelt voll. Und nun wurde es interessant. Ich schätze, dass in einen RER-Waggon 200-250 Menschen reinpassen (davon 62 Sitzplätze). Wenn ich mich nicht verzählt habe, besteht ein durchschnittlicher RER-Zug aus 8 Waggons. Das macht nach Adam Riese und Eva Zwerg 1600-2000 Sardinen pro Büchse.

Man stelle sich das Ganze nun so vor: Der Zug mit knapp 2000 Menschen drin (ich überlege gerade, ob das hinkommen kann) fährt ein, und im Bahnhof warten knapp 1999 Menschen und ich, die da rein wollen bzw. müssen. Das bedeutet, dass knapp 4000 Menschen auf engstem Raum ihren Standort tauschen müssen. Aufgabe für Logistiker: „Bewegen Sie innerhalb von 5 Minuten 2000 Menschen aus einem Stahlschlauch heraus durch enge Menschengassen auf einen Bahnsteig, und befördern Sie anschließend wieder 2000 hinein.“

Das ist purer Darwinismus. Survival of the fittest. Wer drin ist, fährt mit. Ich will nicht mehr darüber reden... Jedenfalls stellte ich fest, dass die Mensch Mensch form- und komprimierbar ist.

Besonders gemein ist es dann, wenn man direkt an der Tür steht (wie ich letzten Dienstag, als ich nach Hause fuhr) und an einem Bahnhof Platz machen muss, um den Leuten weiter drinnen die Möglichkeit zu geben, auszusteigen. Extrem gemein ist es dann, wenn man glaubt, Bahnsteig und Waggonboden seien auf gleicher Höhe. Waren sie in meinem Fall aber nicht. Ich machte also einen Schritt zurück in sicherer Erwartung des Bodens unter meinen Füßen – und fiel mit einem erschrockenen „Woaah!“ ins Bodenlose. Ich schätze den Höhenunterschied auf 60 cm. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, mein Gleichgewicht im Rückwärtsfall zu behalten und auf den Füßen zu landen. Es muss jedenfalls toll ausgesehen haben; ein Kichern ging durch die Leute, die es gesehen hatten.

Aber professionell, wie ich nun einmal im Abwiegeln von Pannen bin, berappelte ich mich einfach wieder, stieg wieder in den Zug, richtete meine Frisur und sagte deutlich hörbar: „Attention à la marche en descendant du train!“ (sinngemäß etwa: „Beachten Sie bitte die Stufe beim Ausstieg!“), ein Spruch, den jeder Métronutzer kennt. Damit hatte ich die Lacher wieder auf meiner Seite. :-)

Diese „soziale Bewegung“ jedenfalls muss toll gewesen sein und gaaaanz viel gebracht haben, denn nach dem RER-Personal von letzter Woche sozialbewegte sich diesen Montag das SNCF-Personal am Gare St. Lazare (was mir egal war, meine alte Route fuhr wieder einwandfrei) und die Lehrer! Ja-haa! Ich aber nicht, denn Assistenten haben keine Rechte, außer ihren Job zu tun.

Aber ich dachte, ich könnte mal die Gruppen alleine unterrichten. So war’s zumindest auch ursprünglich geplant. Aber stattdessen waren aus der ersten Gruppe (17 Schüler) nur 2 da, und aus der 2. Gruppe (16 Schüler) ganze 3... Ich bin mir noch nicht sicher, wieso, werde dem Rätsel aber nachgehen.

Dafür hatte ich letzten Donnerstag die surrealste Stunde meiner bisherigen Dienstzeit als Angestellter des französischen Bildungsministeriums. Von drei Schülern tauchte nur einer auf. Dafür waren wir zwei Lehrkörper. Der Schüler hatte keinen Bock, ich auch nicht, und so mussten wir zu zweit mit vereinten Kräften ihm alle Antworten einzeln aus der Nase ziehen. Und die kamen dann auch noch auf Französisch.

Er behauptete jedenfalls, dass er Mitglied der französischen Bowlingnationalmannschaft sei. Das überrascht mich insofern, als ich nicht wusste, dass es sowas gibt, und zweitens, dass er da drin ist, und drittens, dass das zu stimmen scheint, da die Lehrerin das bestätigte. Ich überprüfe das noch...

Am Samstag war ich dann auf einer Party, auf der Architekturstudenten (!) und jede Menge Italiener rumliefen. War eine witzige Atmosphäre, und wir haben alle nur französisch gesprochen.

Nun gut. Freitag geht’s nach Hause, und ich muss zugeben, dass ich mich schon irgendwie auf Deutschlannd freue.

Damit wäre dies auch mein letzter Eintrag im Jahre 2006. Ich wünsche Euch allen frohe Feiertage, viele Geschenke, einen guten Start ins neue Jahr und alles Gute für 2007. Ich bedanke mich bei Euch für die fleißige Lektüre und das viele Feedback!

Bleibt gesund und sauber! :-)


Ralf
19.12.06 11:37


Die 11. Woche (12. Dez.)

Dienstag, 12. Dezember. 78. Tag: Erste Problemfalllösungen, Versailles, soziale Bewegungen.

11:30 Uhr.

Ich stelle soeben fest, dass ich mir nicht sicher bin, mit wie vielen „l“ das Wort „Problemfalllösung“ geschrieben wird. Mit 3? 4? 12? Ich weiß es nicht, gehe aber von 4 aus: eins vor dem „emfa“ und drei dahinter... Möge mich jemand, der der reformierten Rechtschreibreformrechtschreibform (sehr schönes Wort) mächtig ist, mich bitte aufklären.

Bereits eine Woche nach Feststellen der ersten Problemfälle (mit 3 „l“) freue ich mich, auch schon die erste Lösung (mit einem „l“) präsentieren zu können: der Schüler mit der ungehobelten Ausdrucksweise hat mir letzte Woche seinen neuen Text gegeben. Eine Woche zu spät, aber immerhin. Aber ich werde ihn mir nochmal zur Brust nehmen müssen – denn alleine hat er denn nicht geschrieben...

Der andere Fall kommt heute Abend. Da ich die Klasse seit der Stunde, die mir so entglitten ist, nicht wieder hatte, kann ich dazu noch nichts sagen. Ich harre der Dinge.

Da ich wieder Besuch hatte dieses Wochenende (Gruß nach München an dieser Stelle), trug es sich zu, dass ich endlich nach Versailles gekommen bin. Leider wird der Spiegelsaal zur Zeit renoviert, dafür aber waren die königliche Kapelle und die Oper geöffnet. Das Schloss, dessen Fassade ebenfalls zur Zeit hinter Baugerüsten verschwindet, ist dennoch immer wieder sehenswert. Die Fotos werde ich demnächst ins Netz stellen.

Ich war auch mit dem Gast in Paris unterwegs und stellte mal wieder fest, dass ich fürchterlich inkonsequent bin. Ich bin in einer Kneipe gelandet, in der man 7,50 EUR für ein Bier (0,33l) bezahlt. Das Dumme war, ich war da schon mal gewesen und hatte mir eigentlich geschworen, dort nie wieder einzukehren... Oh-oh. Ich arbeite dran.

Wisst Ihr, was eine „soziale Bewegung“ ist? Auf den ersten Blick hört sich das doch sooo falsch nicht an: Man ist versucht zu glauben, dass es um behinderte Kinder, Obdachlose oder an Typhus erkrankte Fruchtfliegen (drosophila melanogaster) geht, denen mit dieser Bewegung geholfen werden soll.

Aber diese drei Gattungen stehen nicht im Zentrum des sich zur Zeit in Paris organisierenden Interesses, mitnichten, es geht um eine andere, vom Schicksal gebeutelte Gruppe: Eisenbahnmitarbeiter. (Ob die vielleicht behindert, obdachlos oder an Typhus erkrankt sind, entzieht sich meiner Kenntnis.) Die sind aber ziemlich pfiffig. Denn der Grund, warum ich gestern und heute Morgen längere Wege in Kauf nehmen und neue Routen erkunden musste, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen, sind nicht popelige „Streiks“ oder „Arbeitskampfmassnahmen“. Nein, in Frankreich, dem „champion de grève“ („Streikweltmeister“ laut Aussage eines Kollegen) nennt man so etwas „mouvement social“, eine „soziale Bewegung“. Diese dient dazu, um „gegen die Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen durch die neuen Fahrpläne“ (Quelle: latribune.fr) zu protestieren. Ist zwar meiner Meinung nach immer noch ein Streik, der mir Probleme bereitet, nach Hause oder zur Arbeit zu kommen, aber ich werde mich doch nicht gegen eine „soziale“ Bewegung stellen! Das wäre ja völlig unsozial, wenn ich mich darüber beschwerden würde, dass ich nicht rechtzeitig zur Arbeit komme. Deswegen halte ich jetzt auch einfach den Mund.

So habe ich versucht, im Internet Informationen über die Züge zu finden, die noch fahren, und befürchte, dass das noch abenteuerlich heute wird. Denn immerhin ist der Dienstag mein härtester Tag: Ich habe die erste Stunde um 8 Uhr im Collège, dann im Laufe des Tages zwei weitere Stunden dort, um schließlich meine letzte Stunde des Tages von 16.30-17.30 Uhr am Lycée zu geben. Wenn ich dann normalerweise gegen 17.45 Uhr nach Hause fahre, bin ich gegen 19 Uhr zu Hause, nachdem ich morgens um 6 Uhr die Wohnung verlassen habe. Dass ich diesen 13-Stunden-Tag jede Woche für knapp 800 EUR im Monat abreiße, will ich mal nicht an die große Glocke hängen. Ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Denn erstens wäre das unsozial, und zweitens müssen die Eisenbahner bestimmt unter noch härteren Bedingungen arbeiten.

Hm... Ich frage mich, was die sagen würden, wenn ich mal eine „soziale Bewegung“ lostreten würde. Ich würde es natürlich nicht „Streik“ nennen, um zu zeigen, was ich schon alles gelernt habe in Frankreich. Aber wahrscheinlich wäre es ihnen eh egal... Und ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Die haben ja bestimmt recht. Außerdem ist es eine ja „soziale Bewegung“.

Jedenfalls habe ich auf meiner Sozialbewegungssonderfahrplaninformationssuche eine Seite der SNCF entdeckt, wo Sozialbewegungssonderfahrplaninformationen angegeben sind. Gleichzeitig durfte ich eine Kostprobe des französischen Humors genießen: auf der Seite www.abcdtrains.com findet man neben den Sonderfahrplänen den bissigen Kommentar: „Voici des horaires qui vous seront plus utiles que nos excuses“ – „Hier sind die Fahrpläne, die Ihnen mehr nutzen werden als unsere Entschuldigungen“. Tolle Einsicht, oder? Aber wie gesagt, das geht bestimmt schon so in Ordnung mit der „sozialen Bewegung“. Und ich will mich ja auch gar nicht beschweren, das wäre ja unsozial.

Und auf dieser Seite habe ich festgestellt, dass die Züge nur noch dreimal pro Stunde fahren und wahrscheinlich dementsprechend voll sein werden. Ich freue mich schon total darauf nach meinem 13-Stunden-Tag. Aber egal. Ich will mich ja auch nicht beschweren.

Es gibt einen neuen Witz der Woche.

Gruß aus Paris,

ein sich nicht beschwerender Ralf
12.12.06 12:39


Die 10. Woche (05. Dez.)

Dienstag, 05. Dezember. 71. Tag: Erste Problemfälle, Schirikarten, Anredeformeln, Latein.

09:45 Uhr.

Seit zehn Wochen halte ich mich nun in diesem Land auf und arbeite in den Schulen, und so langsam stellt sich die Routine ein. Meine Unterrichtsvorbereitung läuft besser, d. h., dass ich jetzt besser abschätzen kann, was ein durchschnittlicher französischer Schüler in 55 durchschnittlichen Unterrichtsminuten schaffen kann.

Außerdem stelle ich fest, dass sich mein Französisch verbessert, obwohl noch der eine oder andere Patzer vorkommt. Schönes Beispiel: Heute Morgen fragten mich Schüler über meine Kinogewohnheiten aus, und ich erzählte meine Einstellung zur „Herr der Ringe“-Trilogie (laaaaangweilig!!!). Der Titel heißt auf französisch „Le Seigneur des Anneaux“ (sprich: „anno“). Ich sprach ihn allerdings falsch aus und machte daraus „Le Seigneur des Agneaux“ (sprich: „anjo“) – „Der Herr der Lämmer“. Die Reaktion der Schüler könnt Ihr Euch denken...

Routine bedeutet aber auch, dass sich die Schüler an „l’assistant“ gewöhnt haben. So ist es in der letzten Woche zu zwei Problemfällen gekommen. Der eine Schüler aus der terminale fand es witzig, in einer Aufgabe, in der die Schüler einen Brief schreiben sollten, Schweinereien einzubauen. Die Anrede „Hallo, mein kleiner Schwanz“ ist dabei noch einer der harmloseren Ausdrücke, die anderen nicht wirklich zitierfähig.

Ich möchte an dieser Stelle der Vermutung entgegen wirken, ich sei prüde (was bis zu einem gewissen Grad sicherlich zutrifft), aber in diesem Falle war ich echt sauer! Erstens bin ich der Meinung, dass solche Sachen in einer Schulaufgabe nichts zu suchen haben, und zweitens fühle ich mich ein wenig auf den Arm genommen. Da denkt man sich Aufgaben aus, um den Schülern zu helfen, sich aufs Abitur vorzubereiten, und was erhält man als Dankeschön? „Machst dir keine Sorgen um deine Freundin, ich bin mit ihr und sie schläft mit mir.“ Bezeichnenderweise sind diese Sätze auch die mit den wenigsten Fehlern...

Ich habe den Schüler am Montag letzter Woche gebeten, den Text neu zu schreiben und mir bis Donnerstag ins Fach zu legen – was bis heute nicht geschehen ist. Ich bin noch am überlegen, was ich jetzt machen soll.

Der zweite Fall ist wieder ganz anders; es geht um meine seconde am Dienstag (Sehr)Spätnachmittag von 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Da sind die Schüler einfach nur noch müde und unkonzentriert (was ich ja auch gut nachvollziehen kann). Trotzdem müssen sie einfach mitarbeiten, denn das müssen sie in den anderen Fächern ja auch.

Ich habe letzten Dienstag versucht, etwas weniger Anspruchsvolles zu machen und habe ein Lied eingebaut. Ich werde jetzt nicht die gesamtye Stundenplanung rezitieren, nur soviel: zum Ende der Stunde hin entglitt mir die Kontrolle, und die Stunde versank im Chaos. Vorher haben sie schon nicht die Aufgaben bearbeitet, die ich ihnen gegeben hatte (Arbeit mit dem Stadtplan von Osnabrück), sondern gequasselt, und beim Lied passten sie überhaupt nicht mehr auf.

Zum Glück war die Stunde dann auch zu Ende, denn ich hatte auch keinen Bock mehr. Deswegen habe ich beschlossen, die Zügel deutlich fester zu ziehen. Ich bin zwar kein „richtiger Lehrer“, der Noten geben darf, aber immerhin habe ich den Status als solcher und bin nicht hier, um die Schüler zu belustigen. Das heißt, dass ich das schulintern übliche Bestrafungssystem ab sofort anwenden werde. (Muuah-ha-ha-haarr!)

Ein Schüler tat sich dabei besonders hervor. Der Typ quasselt die ganze Zeit, hat dabei aber einen trockenen Sinn für Humor und einen schlagfertiges Mundwerk, die es mir schwer machen, zumindest nicht zu grinsen. Welcher Schüler nimmt einen solchen Pädagogen noch ernst?!

Meinem englischen Kollegen geht es genauso, allerdings hat er sie am Donnerstag Morgen (Englisch 2. Fremsprache). Ihr glaubt nicht, was dieser Schüler dort gemacht hat: Sie bearbeiteten einen Zettel mit Ankreuzaufgaben, und er hat einen Freund ein Foto mit dessen Handy machen lassen, sich das Foto per MMS zuschicken lassen und dann versucht, die Antworten bei sich anzukreuzen!!! Unglaublich, oder?!

Mein Kollege und ich kamen dann darin überein, dass er „witty“ (gewitzt) sei. Zum Schluss meinte er dann mit dieser typisch englischen, trockenen Art und Weise: „You’d want him as a friend, not as a student.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. :-)

Ich war neulich wieder an der Place d’Italie und wollte in dem Sportartikelgeschäft Schiedsrichterkarten kaufen. Natürlich hatte ich vorher vergessen zu fragen, wie die Dinger auf französisch heißen („cartons d’arbitre“). Egal, ich lernte das dann im Sportartikelgeschäft. Die hatten aber keine. „Na gut“, dachte ich, „versuchstes mal oben im Spielwarenladen.“ Dort suchte ich zwischen den hohen Regalen nach Sportartikeln. Da sprach mich eine junge Mitarbeiterin des Geschäftes an undd fragte, ob sie mir behilflich sein könne. Daraufhin erklärte ich ihr: „Oui, je cherche des cartons d’arbitre. – Ja, ich suche Schiedrichterkarten.“

Ich weiß nicht, ob es an meinem Akzent lag oder so, jedenfalls verstand sie nicht, was ich suchte. „Ist das ein Spiel?“ fragte sie. Ein Spiel?! Häh?! Nein, eine rote und eine gelbe Karte aus Plastik, mehr will ich nicht!

Ich erklärte ihr, was ich meinte. Sie schüttelte den Kopf und meinte, sie würde einen Kollegen holen, sie verstünde nicht, was ich wolle. Frauen und Fußball...

So standen auf einmal 3 (!) Verkäufer um mich herum und versuchten herauszufinden, was ich suchte. Ich: „Cartons d’arbitre!“ Er: „Ist das ein Spiel?“ Mir wurde bewußt, dass ich vorne anfangen muss. Ganz weit vorne. „Bei einem Fußballspiel gibt es 22 Spieler und einen Schiedsrichter, stimmt’s?“

Er nickte. So weit, so gut.

„Wenn ein Spieler einen anderen foult, bekommt er eine gelbe oder rote Karte, stimmt’s?!

Erneutes Nicken.

„Und genau diese Karten suche ich, aus Plastik, die möchte ich gerne kaufen.“

Ein Leuchten ging über sein Gesicht. „Ah, les cartons d’arbitre!“

Ja, redete ich denn hier Swahili?!!

„Nee, die haben wir hier nicht.“

Ich verließ den Laden und tat das, was ich sofort hätte tun sollen: ich bastelte sie mir selber aus Pappe...

In meinen Kollegien ist es so, dass sich alle Lehrer duzen. Ich sieze sie am Anfang alle, aber meistens bieten sie mir dann das du an. Oder ich duze sie, wenn sie mich auch duzen. In England wäre das nicht so schwierig: „You can say ‚you’ to me!“

Bis auf eine Ausnahme: meine Lehrerin.

Jetzt rief sie mich neulich an und sagte „Bonjour, Ralf – ich darf Sie Ralf nennen?“ Ich bejahte und hoffte, dass sie mir bald auch das du anbieten würde, denn es nervte mich ein wenig. Also sprach ich das Thema am nächsten Morgen in der Schule an und erklärte ihr, dass es in Deutschland als unhöflich gilt, wenn ein jüngerer Mensch einem älteren Menschen das du anbietet. Deswegen hätte ich das nicht gemacht, aber natürlich dürfte sie mich Ralf nennen.

Sie quittierte das mit einem nervösen Kichern und sagte, dass wir später darüber reden würden.

Ich beginne zu verstehen, was mein Vorgänger an dieser Schule mit „zugeknöpft“ meinte, als er diese Dame beschrieb...

Auf spiegel.de war neulich wieder eine interessante Seite: ein Lateintest! Juchu! Ich habe bei dieser Gelegenheit meine Fotoseite in eine Linkseite umgewandelt, und dort findet Ihr jetzt auch den Link zum Latein.

Und der Witz der Woche wurde natürlich auch aktualisiert.

Das wär’s erstmal von hier!

A la prochaine,


Ralf

PS: Die Champs-Elysées sind herrlich geschmückt – und rappelvoll mit Touristen und Weihnachtseinkäufern. Die standen sogar vor dem Disney-Store Schlange...
5.12.06 11:02


Die 9. Woche (28. Nov.)

Dienstag, 28. November. 64. Tag: Ausblicke, mit Schlafanzügen in den Zügen der Schlafenden, Termine.

09:45 Uhr.

Keine Angst, diesmal ist es nur ein kurzer Eintrag. Ehrlich. Allzu viel Weltbewegendes gibt es diese Woche nämlich nicht zu berichten.

Ich hatte wieder Besuch am Wochenende aus der Heimat (Gruß nach Hannover an dieser Stelle) und habe festgestellt, dass man das Parisstandardbasisbesuchsprogramm in eineinhalb Tagen abreißen kann: Eiffelturm, Arc de Triomphe, Champs-Elysées, Tour Montparnasse, Montmartre mit Sacré-Coeur und Place du Tertre und Galleries Lafayette. Gut, dafür kann man hinterher auch gut schlafen...

Das bedeutet, dass ich dieses Wochenende auf dem Eiffelturm war (schon wieder) und auf Montmartre (schon wieder). Was beides halb so wild war, denn ich finde die Aussicht und die Gegend jedes Mal wieder berauschend. Außerdem konnte ich so mit meinem Halbwissen glänzen. :-)

Stichwort Montmartre: Ich war ja sehr gespannt darauf zu erfahren, wie andere Menschen mit den Souvenirverkäufern umgehen und ob sie in die gleichen Fallen tappen wie ich. Ihr erinnert Euch an meinen persönlichen Rachefeldzug gegen sämtliche Souvenirverkäufer der Welt? (Falls nicht, lest den Artikel vom 30. Oktober) Nun, jedenfalls stellte ich fest, dass sie die mich besuchende Dame komplett in Ruhe ließen!!! AARRGGHH!! Was hat sie, was ich nicht habe?!

Das Ganze hat meinen Ehrgeiz im Kampf gegen den Touriterrorismus natürlich noch weiter angefeuert. Sie sagte übrigens, dass sie den Leuten nicht in die Augen schaut (was ich in der Regel auch versuche zu vermeiden) und dass ich zu gut sei für diese Welt. Martina: Rückblickend bin ich mir nicht sicher, ob das ein Kompliment war... :-)

Aber dafür habe ich den Ausblick aller Ausblicke gefunden: bei Dunkelheit oben auf den Tour Montparnasse! Wahnsinn! Und sobald ich ein Stativ habe (Wink mit dem Zaunpfahl), werde ich auch Bilder vom nächtlichen Paris ins Netz stellen...

Je öfter ich morgens mit dem Zug zur Schule fahre, desto mehr stelle ich fest, dass auch Franzosen ein Faible für Trainingsanzüge zu haben scheinen. Heute war ein ganz besonders „spaciges“ Exemplar im Zug: ein hellblaumetallicglänzender Trainingsanzug. Interessantes Outfit; ich wurde sofort farbenblind, und mein Sinn für Ästhetik wird sich so schnell nicht davon erholen. Mein erster Gedanke war: „Laufen die hier jetzt schon im Schlafanzug rum?!“

A propos Schlaf: Ich nehme morgens nicht die Métro, sondern die Züge der Schlafenden, wie ich sie poetisch gern nenne. Besonders am Dienstag sieht man, wenn man um 6 Uhr morgens in die Métro steigt, Dutzende schlafende Leute, die Köpfe an die Fensterscheibe oder auf die Brust gelehnt. Im RER das gleiche Bild. Man sollte die RATP vielleicht anregen, sanfte Einschlafmusik zu spielen; das würde den Komfort deutlich erhöhen – besonders, wenn mal wieder was stecken bleibt...

Ich war jetzt am Sonntag genau 2 Monater hier; am 26.09. bin ich hergekommen. Daher will ich auch einen kurzen Überblick über meinen Zeitplan für 2006 geben:

Ich werde am Freitag, den 22.12. nach Hamburg fliegen, wo ich gegen 11 Uhr lande. Dann werde ich Weihnachten mit meiner Familie verbringen und am 27.12. mit meinem Abijahrgang in Isernhagen in der Bluesgarage feiern. Geplante Ankunft in Osnabrück ist dann am 28. oder 29.12. Mein Rückflug nach Paris geht am 04. Januar ab Hannover. In der Zeit könnt ihr mich also bei Bedarf wieder unter meiner deutschen Handynummer erreichen.

Zum Schluss noch eines: Ich weiß, dass eine Woche noch nicht um ist, aber ich werde den „Witz der Woche“ aktualisieren. Ist wieder’n Hammer! :-)

Liebe Grüße aus Paris,


ich
28.11.06 10:21


Update 8. Woche (23. Nov.)

Witz der Woche

Es gibt eine neue Seite hier. Da ich gerade eine Freistunde habe und nichts vorbereiten muss, ergreife ich diese Gelegenheit beim Schopfe, um Euch ab sofort jede Woche mit einer neuen humoristischen Köstlichkeit zu überraschen.

Ihr findet sie links unter "Witz der Woche" (wer hätte es gedacht...).

Wolle mer se reinlasse?


Ralf
23.11.06 10:22


Die 8. Woche (21. Nov.)

Dienstag, 21. November. 57. Tag: Thierry Henry, bebendes, zitterndes Wasser, rauchende Pferde, Fotos.

10:40 Uhr.

Es ist wieder Freistunde, und ich sitze an einem französischen Keyboard und tippe unter großen Anstrengungen deutsche Sonderzeichen wie ä, ö, ü, ß etc. Diese Zeile eben tippte ich im 2-Finger-Suchsystem...

Denken wir kurz zurück: Sommer 2006 ganz Deutschland ist vom WM-Fieber gepackt. Ganz Deutschland?

Ja, ganz Deutschland. Das Halbfinale wollen wir gedanklich überspringen, aber unsere Erinnerungen an das Finale wollen wir auffrischen. In diesem Finale befand sich unter anderem die französische Nationalmannschaft; ein Team, das bei der WM 2002 als amtierender Weltmeister anreiste und sang- und klanglos unterging und auch am Anfang dieser WM alles andere als souverän wirkte.

Dennoch haben sie es ins Finale geschafft. Schön und gut, sie haben sich halt gemausert. Zidanes Kopfarbeit soll an dieser Stelle auch unter den Tisch fallen.

Und eben diese Mannschaft (ohne Zidane) habe ich live im Stade de France gesehen letzten Mittwoch. Für 20 EUR habe ich mir den Jokus mal angetan. Ich saß ganz oben, fast direkt hinter dem Tor. Wenn ich das schon vor der Nase habe, das Spiel, dann wollte ich das auch nutzen.

Gegner in diesem Freundschaftsspiel war Griechenland. Es versprach also spannend zu werden: der amtierende Europameister gegen den Vize-Weltmeister.

Denkste.

Die Franzosen waren zwar bemüht, als Sieger vom Platz zu gehen, waren aber insgesamt gesehen erschreckend harmlos. Ich möchte mich sogar zu dem Ausdruck „dilettantisch“ hinreißen lassen. Fehlpässe, Spieler, die dauernd ausrutschten (interessanterweise nur Franzosen), harmlose Flanken... die griechische Defensive kam eigentlich nur einmal pro Halbzeit in die Bredouille: in der ersten beim 1:0 (Kopfballtor von Thierry Henry), und in der zweiten bei einem Schuß ans Außennetz.

Zeitweise waren die Griechen sogar näher am Ausgleich als die Franzosen am 2:0. Aber das lag nicht daran, das Otto Rehakles Mannen wacker aufspielten, mitnichten! Das waren teilweise haarsträubende Patzer der französischen Defensive!

Wie konnte diese Mannschaft es schaffen, ins WM-Finale zu kommen?! Und ganz ehrlich: Wenn Deutschland im Halbfinale nicht über Italien gestolpert wäre, hätten die Klinsmänner die auseinander genommen – ganz einfach... Aber das will mir hier natürlich keiner glauben. :-)

Ich suche noch französische Wettpartner. Am 07. Februar ist das nächste Freundschaftsspiel im Stade de France, diesmal dann gegen Argentinien. Wenn die Franzosen sich bis dahin nicht deutlich verbessern, setze ich auf ein 3:0 für Argentinien. Aber das will mir hier natürlich auch keiner glauben...

Kennt Ihr bebendes, zitterndes Wasser? Nein? Auf französisch nennt man das „eau frémissante“. Wie ich darauf gestossen bin?

Ich hatte vergessen einzukaufen und fand daher am letzten Samstag nur noch eine Packung Bockwürste („Knacks“) in meinem Kühlschrank. Dazu kam erschwerend hinzu, dass das Brot, das ich geplant hatte zu essen. sich in eine Pilzkultur verwandelt hatte und daher für einen weiteren Verzehr unbrauchbar war.

Außerdem fiel mir das um 22 Uhr auf – direkt nachdem der Supermarkt geschlossen und der Pizzaladen um die Ecke zugemacht hatte. Das alles steigerte meine Laune nicht wirklich. Au contraire.

Also gab’s Bockwürste, die dem Aussehen und der Konsistenz nach nicht unähnlich einer Teewurst waren. Und diese sollte man drei Minuten in „eau frémissante“ tauchen – was mein Wörterbuch mit „(vor Wut) zitternd, bebend“ beschrieb. Das passte irgendwie schon, wenn auch nicht auf das Wasser, sondern eher auf mich... Ich übersetzte es dann kochend mit „köchelnd“.

Auf SPIEGELonline wurde vor ein paar Tagen ein Artikel über den deutschen Humor veröffentlicht. Unter anderem wurden dort die schlechtesten Witze veröffentlich. Ich schäme mich fast zu sagen, dass ich einige noch nicht kannte und teilweise laut loslachen musste. Der beste unter den schlechtesten lautete folgendermaßen und wurde prompt in mein Repertoire aufgenommen:

- „Raucht Ihr Pferd?“
- „Nein, wieso?“
- „Dann brennt Ihr Stall.“

Herrlich, oder? :-))

Ich habe es endlich geschafft, meine Fotos, die ich bei meinen Ausflügen gemacht habe, zu verkleinern und netzfertig zu machen. Nun sind sie online und können von Euch bestaunt und gehuldigt werden. Allerdings sind es bis jetzt nur Standardbilder von Paris: Eiffelturm, Montmartre etc. Dennoch möchte ich Euer Augenmerk auf das Album „Paris V“ lenken, in dem mir ein paar nette Nachtbilder geglückt sind.

Den Link dazu findet Ihr auf der Seite „Fotos“.

Ansonsten geht es mir gut, der Job macht Spaß, und die Schüler sind umgänglich. Um genau zu sein, habe ich festgestellt, dass manche Schüler, deren Benehmen bei der Lehrerin für die Füße ist, bei mir ruhig sind und selbständig mitarbeiten. Darüber freue ich mich natürlich.

In diesem Sinne schöne Grüße,


unser Mann in Paris
21.11.06 11:16


Die 7. Woche (14. Nov.)

Dienstag, 14. November. 50. Tag: Schlüsselerlebnisse, Theater.

12:00 Uhr.

Die Schule läuft seit einer Woche wieder. Na gut, inzwischen sind es knapp 10 Tage. Und mein erster Arbeitstag nach den Ferien hatte es direkt in sich.

Ich mache meine Unterrichtsvorbereitung in der Regel am Wochenende. OK, zugegeben, am Sonntagspätnachmittag. Oft muss ich dann am Morgen vor der ersten Stunde noch Kopien machen oder Texte ausdrucken – was normalerweise auch kein Problem ist, da ich ja früh genug an der Schule ankomme, meistens ca. eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn.

Normalerweise.

Dann gibt es da noch die RATP, die „Régie autonome des transports parisiens“. Mit deren Zügen fahre ich jeden Tag durch die Ile de France. Die Strecke Wohnung-Schule reiße ich so in ca. 1 Stunde ab, davon 30 Minuten im RER, der Regionalbahn.

Normalerweise.

Aber wie wir ja wissen, ist „rollendes Material“ störanfâllig – denken wir an die gute, alte Deutsche Bahn. Davor ist man in Frankreich natürlich auch nicht gefeit. Und so kam es, dass ich am letzten Montag 20 Minuten im Gare de Lyon gewartet habe, da der Zug im Gleis nicht abfuhr, und dann noch eine Stunde im Zug selber, da er dauernd anhalten musste. Ich kam um 20 nach 8 in der Schule an, mit Unterrichtsbeginn um 8.30 Uhr.

Und einem Stapel an Materialien, die ich noch ausdrucken und kopieren musste.

Tolle Wurst.

Der Tag begann also mit ein wenig Stress. Dazu kam noch erschwerend hinzu, dass ich nicht wirklich viel geschlafen hatte, da ich noch nicht wieder im richtigen Rhytmus war. Dementsprechend k.o. war ich nachmittags. Ich war noch kurz an meinem Fach und machte mich gegen Viertel vor 2 auf den Heimweg.

Um 3 Uhr stand ich im Hausflur, den Inhalt meines Rucksackes und meiner Jackentaschen um mich herum verteilt. Warum?

Ich fand meinen Schlüssel nicht.

Und ein Anruf im Lycée bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: Ich hatte ihn dort am Schloß von meinem Fach hängen gelassen. Also: zurück in die Métro, zurück in den RER, zurück nach Achères. Nachdem ich gerade 75 Minuten nach Hause gefahren war, fuhr ich wieder 75 Minuten nach Achères.

Mein Schlüssel hing unschuldig dreinschauend an meinem Fach. Ich schimpfte, steckte ihn ein – und fuhr nach Hause. 75 Minuten. Noch einmal.

Dreidreiviertelstunden. 225 Minuten. 13500 Sekunden. Plus die Zeit morgens. Alles für die Katz’.

Diesen Montag war es nicht so schlimm. Da funktionierten bloß beide Kopierer nicht... Der Montag entwickelt sich zu meinem Hasstag.

Zu schöneren Dingen: Ich war am Sonntag im Theater: „Cabaret“. Geile Vorstellung, teilweise etwas freizügig, aber sehr zu empfehlen. Aber der Hammer ist das Theater: das haben sie seit 100 Jahren nicht mehr umgebaut. Alte Sitze, eine riesige Bühne – sehenswert!

Auf Anfrage erzähle ich gerne mehr. Jetzt muss ich aber los, meine Freistunde ist fast zu Ende.

Bis die Tage,


Ralf
14.11.06 12:43


Die 6. Woche (4. Nov.)

Samstag, 04. November. 40. Tag: Französischunterricht für Jamie Cullum, Kenzo, Akzent, koscherer Döner.

14:30 Uhr.

Was für ein Konzert! So gut hat man mich für 40 EUR schon lange nicht unterhalten! Der Junge hat echt was drauf!

Von wem schwärme ich hier eigentlich? Ach ja, Jamie Cullum. Ich hatte ja geschrieben, dass ich überlegte, zu dessen Konzert am 02. November zu gehen – nun, ich war also da und bereue es nicht. Die Bühnenshow war angenehm simpel gehalten; ein paar Lichteffekte, eine kleine Leinwand, auf die entweder Bilder von der Bühnenkamera oder sonstige Videos geworfen wurden, kein Pyro- oder sonstiger aufwändiger (und damit teurer) Schnickschnack. Dafür saubere, anspruchsvolle Musik. Und der kann Klavierspielen!

Humoristischer Höhepunkt des Abends war ein Lied, das er dem Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewidmet hat. Titel des Liedes: „If I Had A Brain“. Er singt von all den Dingen, die er tun würde, wenn er ein Hirn hätte, und das in herrlich falschem Englisch: „I’d think all day of things I had never thunk of before…“

Und teilweise artete das Konzert in eine Französischstunde von Jamie Cullum aus. Als er das Publikum zum Mitsingen animierte, sagte er mit einem interessanten Akzent: „Je vais chanter ‚blablabla’ (ich singe ‚blablabla’), et après vous chantez ‚lalala’ (und danach singt ihr ‚lalala’), je vais compter quatre … uhm… quatre…! (ich zähle dann vier…äh…vier!)“ Dabei vergaß er das französische Wort für „mal“ wie in viermal, woraufhin ihm ein paar tausend französische Kehlen entgegen brüllten „FOIS!!!“. Er zuckte zusammen, schlug sich mit der Hand an die Stirn und kniete in Scham und Demut vor dem Publikum nieder. Oder er fragte den Schlagzeuger nach einer Vokabel, der wohl französisch konnte.

Zum Abschluss meinte er, dass er zurück nach London gehen würde und ein neues Album aufnehmen würde, und in einem Jahr sei er zurück.

Wenn er das durchzieht, ich auch. :-)

Tja, der nächste Event steht auch: Ich habe gesehen, dass Ende März TOTO hier spielt, und zwar in der gleichen Halle. Ich habe den Termin schon mal notiert.

Kennt jemand von Euch die Marke „KENZO“? Ich kannte sie bis heute nicht, lernte sie aber kennen, als ich wieder mal auf der Suche nach einem Schal war. In einem Geschäft in diesem Einkaufstempel an der Place d’Italie stieß ich auf diese Marke. Kein Wunder, dass ich sie noch nicht kannte (und ich glaube auch nicht, dass ich sie jemals kennen lernen werde): Da lag ein Schal, der mal eben 135 EUR (kein Scheiß!!!) kosten sollte. Ein SCHAL! Ein Stück Stoff, das wahrscheinlich von pakistanischen Kindern unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde!

Ich habe den Schal natürlich nicht gekauft.

Dafür aber ein Paar bezahlbare Handschuhe gefunden (nicht von KENZO). Die halten nun die Fingerchen warm. Ich glaube, mein Hals braucht das nicht…

Tja, mein Akzent. Dass ich einen habe, ist sowohl klar als auch wenig überraschend. Was mich aber dann doch wundert, ist die Tatsache, dass alle glauben, es sei ein englischer Akzent! Das erste Mal fragte mich eine Lehrerin am Lycée, ob ich der „assistant d’anglais“ sei, was ich mit einer hochgezogenen Augenbraue höflich, aber doch bestimmt verneinte.

Heute passierte das wieder. Ich hatte die Handschuhe gekauft und fragte beim Schuster im Einkaufszentrum, ob die dieses ippelige Plastikteil durchschneiden könnten, welches Handschuh A mit Handschuh B verbindet. Das tat auch der eine der zwei Männer, die dort arbeiteten, während der andere fragte, ob ich Engländer sei. Ich verneinte. „Américain?“ Kopfschütteln. Das Ratespiel schien ihnen aber zu gefallen. „Australien?“ schaltete sich der andere ein. „Non.“ Schließlich versuchte es der erste wieder und fragte „Canadien?“ Nachdem sie nun ja fast alle englischsprachigen Länder durchhatten, löste ich das Rätsel und sagte „Allemand“. Die nächste Frage hätte ich mir denken können: „Was trinkt man den in Deutschland an Alkohol, wenn einem kalt ist? Eau-de-vie (Schnaps)?“ Woraufhin ich ihm das Rezept för’n orntlichen steifen Grrrog nach frrriesischer Art gab. :-)

Aber kann mir jemand sagen, warum alle denken, ich hätte einen englischen Akzent?!

Neulich ging ich im Marais spazieren und befand mich auf einmal im jüdischen Viertel. Das ist ein sehr schönes Eckchen von Paris, es scheint sich nicht großartig verändert zu haben in den letzten 100 Jahren. Man erkennt es an den hebräischen Schriftzeichen, die sich überall an den Geschäften befinden und dem Hinweis auf koscheres Essen.

Was ich aber interessant fand, war, dass es dort sogar einen Dönerladen gab, der koscheren Döner und andere Fleischgerichte anbot! Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen!

Warum geht das nicht auch in Jerusalem…?

In diesem Sinne:

Peace, Leute!


PS: Vielen Dank für Eure Mails und Gästebucheinträge! Ich freue mich, dass es tatsächlich Leute gibt, die diesen Schund hier lesen... :-)
4.11.06 18:54


Die 4. und 5. Woche (30. Okt.)

Sonntag, 22. Oktober. 27. Tag:
Sonntag=Wochenende=Pause.


11:20 Uhr.

Gehen wir wieder mal chronologisch vor. Nun liegt auch meine zweite „richtige“ Arbeitswoche hinter mir, und sie ist ebenso gut verlaufen wie die erste. Die Schüler waren insgesamt umgänglich und haben gut mitgearbeitet – teilweise sogar besser mitgearbeitet als bei der Lehrerin. Ich schiebe daher ihr Verhalten der Lehrerin in die Schuhe, denn bei mir sind sie nicht so. Natürlich haben ein paar Schüler mal ausgelotet, wie weit sie wohl gehen dürfen, aber das war alles noch im normalen Rahmen. Insgesamt betrachtet liege ich nach Punkten vorn.

Zugegeben, ich bin auch in einer angenehmen Situation: Ich kann den Unterricht mit interessanteren Materialien spicken als die Lehrerin es kann, und ich gebe keine Noten – wobei letzteres eigentlich potentielle Unruhestifter eher noch anspornt. Vielleicht wissen sie das nicht??? :-)

Auch die Kleinen im Collège letzte Woche waren putzig. Ich hatte eine 6. Klasse, die nächstes Jahr ihre 2. Fremdsprache wählt, und die jetzt Einführungskurse in Deutsch haben. Die haben mich das erste Mal französisch reden gehört und haben mich alle möglichen Löcher in den Bauch gefragt; wo ich herkomme, was ich hier mache, wo ich hier wohne, warum Paris etc. Einer meinte sogar, dass ich sehr gut französisch spräche. Kleiner Schleimer. :-) Nächsten Dienstag habe ich die 2. Hälfte dieser Klasse, mal schauen, wie die so drauf sind.

Ansonsten habe ich wieder Besuch aus der Heimat, meine Patentante und ihr Gatte sind hier. Mit denen bin ich jetzt 2 Tage durch Paris gelaufen (was auch ein Grund dafür ist, warum ich heute zuhause bin). Also konnte ich weiteres touristisches Pflichtprogramm abhaken.

Ich stürze mich jetzt wieder in meine Unterrichtsvorbereitung. Die Sonne scheint gerade richtig schön auf das herbstliche Paris – ich bin glatt am überlegen, ob ich das Wetter nicht nutzen sollte und zu Sacre-Coeur rausfahren sollte…

Hat jemand meine Goodbye Lenin-DVD gesehen? Ich finde die nicht mehr, dabei habe ich den Film doch noch vor ein paar Tagen gesehen?! Ich versteh das nicht…



Montag, 30. Oktober. 35. Tag: Montmartre,
senegalesische Armbänder, Edith Piaf.


19:00 Uhr.

Meine Goodbye Lenin-DVD hatte ich meiner Lehrerin geliehen – und das natürlich vergessen. Alzheimer lässt grüßen….

Aus der letzten Schulwoche gibt es nicht allzu viel zu berichten; der Unterricht lief normal weiter (zumindest am Montag und Dienstag), es gab keine besonderen Vorkommnisse, und außerdem habe ich seit Mittwoch Ferien! 10 Tage Toussaints (Allerheiligen). Is’ auch mal ganz schön. Der Oktober war schon ein harter Monat. :-)

Das Schöne am Leben in Paris ist, dass man spontan mal eben irgendwo hingehen kann, wenn einem einfällt: „Mensch, ich wollte doch noch ein bestimmtes Foto vom Eiffelturm machen!“ oder wenn man etwas im letzten Urlaub zeitlich nicht mehr unterbringen konnte. Da das Wetter zurzeit auch ganz angenehm ist (oft scheint die Sonne und es gibt keine bis kaum Wolken am Himmel), lohnt es sich auch, die Kamera einzupacken und noch mal nach Montmartre rauszufahren.

Und so kam es, dass ich heute in gleich zwei (in Zahlen: 2!!!!) Touristenfallen getappt bin.

(Der folgende Bericht wurde zur Unterhaltung der Leserinnen und Leser etwas dramatisiert, fand aber tatsächlich statt – auch wenn nicht ganz so übertrieben wie beschrieben. Ich bitte die geneigte Leserin/den geneigten Leser, dieses bei der Lektüre der folgenden Absätze zu bedenken.)

Beginnen wir wieder chronologisch. Zuerst beschloss ich tatsächlich, dass schöne Wetter zu nutzen und zur Basilika Sacré-Coeur rauszufahren. Das ist ja auch ein wunderschönes Gebäude, und so weiß, wie das ist, gibt ein paar wunderschöne Bilder: weiße Basilika vor tiefblauem Himmel… manche meiner Aufnahmen von heute könnten von Santorin stammen! Dann war ich auch noch mal kurz drin, habe den Rundgang durch das Kirschenschiff mitgemacht (eher unfreiwillig, ich bin einfach mit dem Touristenstrom mitgeschwommen) und bin danach wieder abgehauen.

Das Problem war bloß, dahin zu kommen. Direkt von der Métrostation „Anvers“ führte der Weg durch eine Gasse, in der sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte. Da bin ich ja noch ganz gut durchgekommen.

Aber am Ende der Gasse warteten sie.

Erbarmungslos.

Auf ahnungslose Touristen.

Auf mich.

Afrikanische Souvenirverkäufer, die mit allen möglichen Tricks versuchen, ihren Schund loszuwerden. Allerdings muss ich zugeben, dass sie ihre Masche geändert haben: Vor knapp zehn Jahren durfte man nicht den Fehler machen, sie oder den Schund, den sie mit sich rumschleppen, anzuschauen. Wenn man das schaffte, hatte man relativ gute Chancen, mit gleich bleibender Menge Geld im Portemonnaie an ihnen vorbeizukommen.

Diese Chance hat man heute nicht mehr.

Heute sieht man nicht mehr, was sie einem andrehen wollen.

Aber sie sehen dich.

Und sie können riechen, dass du Tourist bist.

Ich sah also, wie sich vor dem Garten mit den Treppen zu Sacré-Coeur hinauf eine Phalanx von Souvenirverkäufern aufhielt. Es gab dort zwei Tore, das linke, durch das soeben zwei junge Damen um die 20 schritten, und das rechte. Die beiden Mädels hatten keine Chance. Zu zweit kamen sofort 2 Souvenirverkäufer auf sie zu, umzingelten sie und versuchten, ihren Ramsch loszuwerden – was immer das auch war, ich hatte es ja noch nicht gesehen. Alles, was ich wusste, war, dass sie mit komischen Bindfäden rumliefen…?

Aber ich wollte es auch gar nicht rausfinden. Ich bemerkte, dass das rechte Tor „unbewacht“ war und nutzte die Gelegenheit, unbemerkt in den Garten mit den Treppen zu gelangen. Mich auf der sicheren Seite wähnend machte ich den wohl alles entscheidenden Fehler: ich holte meine Kamera aus dem Rucksack. Der Effekt ist vergleichbar mit dem von Blut in einem Becken voller hungriger Haie.

Ich machte ein, zwei Fotos von Sacré-Coeur und wollte mich auf den Weg nach oben machen, als ich das nächste Problem bemerkte: die Treppen rechts, die ich eigentlich nehmen wollte, waren eine riesige Baustelle, und so gab es nur einen Weg nach oben: die linke Treppe.

An den Souvenirverkäufern vorbei.

„Das schaffst du, Ralf!“ machte ich mir Mut. „Du bist kein kleines blödes 20jähriges Mädchen, das sich von denen einfangen lässt! Du bist groß! Du bist erwachsen. DU BIST BÖSE! Außerdem hast du doch deinen MP3-Player gerade an und die Kopfhörer auf – wenn dich einer anspricht, dann hörst du ihn eben nicht!“ Eigentlich ein guter Plan. „Mit Kopfhörer und Sonnenbrille bist du quasi unsichtbar!“

So ging ich festen Schrittes los in Richtung Treppe. Dabei machte ich einen weiten Bogen nach rechts, um möglichst weiträumig an den Souvenirverkäufern vorbei zu kommen. Doch trotz meiner Tarnkleidung wurde ich entdeckt; ein Souvenirverkäufer kam schräg von links auf mich zu und textete mich zu. Ich wehrte ab, hob dankend, aber ablehnend, die Hand und versuchte weiterzugehen.

Er ließ nicht locker.

Er nahm meine Hand und bedeutete mir, den Zeigefinger zu spreizen.

Und diese eine Sekunde, dieser eine Moment war es, der meine persönliche Niederlage gegen alle Souvenirverkäufer der Welt einläutete: dieser unachtsame Augenblick, in dem ich jeden Gedanken an Flucht verlor und meine Neugierde siegen ließ.

Und in dem ich meinen Zeigefinger spreizte.

Ab dann ging alles sehr schnell. Ich hatte auf einmal eine Schlaufe aus vier bunten Fäden (schwarz, gelb, rot und grün) um den Zeigefinger, und er fing rasend schnell an, irgendwas daraus zu drehen. Während er friemelte, fragte er mich aus.

„Wherrre arrre you frrrom?“

„England“, antwortete ich, und das aus gutem Grunde: Ich wusste noch nicht, ob ich vielleicht würde ausfallend werden müssen. Wenn ja, wollte ich nicht, dass das auf meine Heimat zurückfällt…

„Manchester orrr Liverrrpool?“

Ich versuchte, meinen angeknacksten Stolz ob dieser Niederlage wieder aufzubauen, zog arrogant meine rechte Augenbraue hoch und sagte: „London.“

Dann faselte er irgendwas von „Misterrr Beckham“, was ich bis heute nicht verstanden habe, und fieselte weiter an diesen Bändseln rum. Dabei erklärte er: „Is good forrr you. I make you special ting cuz I like you. (sicher doch) Do you have wife orrr girlfrrriend?”

Ich biss mir auf die Zunge. „Single.“

„No prrroblem. When you go look forrr girlfrrriend, dis will make you successful. It is someting frrrom Senegal, and is good for love life, make your penis large.”

Ich dachte, ich höre nicht richtig. ‚Wieso erdreistet sich dieser Fatzke zu behaupten, dass ich einen größeren Penis nötig hätte?!?!?!?!?!?!’ Ich fragte etwas trocken: „How much is this thing going to cost me once it’s finished?“

Die Antwort hätte ich mir denken können. „No charrrge forr you, is special cuz I like you!” Natürlich. Und an den Weihnachtsmann glaube ich auch noch. Nee, is’ klar.

Als er fertig war, stellte sich heraus, dass es sich um ein Freundschaftsband handelt, was man sich ums Handgelenk bindet. Er knotete es mir um das rechte Handgelenk. „Is good forrr you, now you have good luck with a girlfrrriend, and you make good tschika-tschika!”

Dieses war eigentlich der Punkt, wo ich ihm eine hätte scheuern sollen. Erst geht er davon aus, dass mein Lulumann zu klein sei, und nun setzt er noch einen drauf und behauptet, dass ich ab jetzt gut im Bett sei!!! Woher will der Typ das wissen?! Mit dem war ich schließlich nicht im Bett!!! (Und dazu wird es auch nicht kommen, nach diesen Frechheiten!)

Ich wollte mich entfernen, da fing er an, was von Geld zu reden. Ich lasse die folgende Debatte an dieser Stelle mal weg (er hatte ja gesagt, dass es „no charrrge“ geben würde) und präsentiere das Ende: Er wollte 10 EUR haben, ich habe ihn auf sechs runtergehandelt (was eigentlich immer noch zuviel ist – aber ich wollte nur noch weg von dem Typen, der mein sensibles Ego so gekränkt hat).

Zum Abschied warnte ich ihn: „If this thing isn’t working and my tschika-tschika isn’t getting better, I’m coming back to get my money back!“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das auch so verstanden hat.

Tja. Und nun trage ich am rechten Handgelenk ein schwarz-gelb-rot-grünes senegalesisches Freundschaftsarmband für sechs Euro von einem Typen, der glaubt, ich hätte einen kleinen Lulumann und schlechten Sex. Dazu kommt, dass das Scheißding etwas zu eng ist. Ich hoffe, dass es sich etwas weitet, wenn es erstmal nass geworden ist beim Duschen oder so.

Bevor entsprechende Anfragen kommen: Ich werde hier nicht schreiben, ob mein tschika-tschika besser wird oder irgendwas wächst!

Auf zur zweiten Touristenfalle.

Ich hatte beschlossen, dass ich nach Sacré-Coeur das Edith Piaf Museum besuchen wollte. Noch etwas angefressen machte ich mich auf den Weg und fand schließlich die Strasse, in dieses ominöse Museum sein sollte. Ich wusste, dass es ein privates Museum ist, und in dem Haus, in dem ich das Museum erwartete, war im Erdgeschoss ein Frisör. Ich schaute suchend die Fassade ab in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu finden – und da passierte es.

Ich trat in die nächste Touristenfalle.

Die Pariser wissen ja in der Regel, a) wo sie sich gerade befinden, wenn sie einen Bürgersteig entlang laufen, und b) wohin sie wollen. Der Tourist weiß das oft nicht, und so schaut er sich suchend um – und übersieht die Hundescheiße, die sich überall auf den Gehwegen der Stadt verteilt. Laut meinem Reiseführer gibt es in der Stadt rund 300.000 Hunde, die jährlich 20 t Scheiße produzieren.

Und in ein Viertelpfund davon latschte ich genau vor dem Edith Piaf Museum. Meine Stimmung wurde prompt noch ein paar Grad frostiger. Und dann versucht mal, in dieser Stadt eine Rasenfläche zu finden, um das wieder abzuwischen!!! Keine Chance!!!

Dazu kam, dass am Hauseingang, den ich inzwischen fluchend und mit dem linken Fuß scharrend gefunden hatte (ein kleines Schild wies sehr dezent drauf hin), ein französisches Paar mit dem Besitzer telefonierte, der oben war und sie einließ. Man muss dort nämlich anrufen und einen Termin ausmachen, aber wenn man so dahin geht und nix los ist, lässt er einen auch so rein. Die zwei betraten jedenfalls das Haus und boten mir an, mitzukommen, was ich aber leider ablehnen musste – ich wollte erstmal meinen Schuh sauber kriegen. So konnte ich ja nirgends reingehen.

Ich kürze wieder mal ab. Nachdem ich der Meinung war, wieder ein Haus betreten zu können, stand ich wieder vor dem Museum und telefonierte mit dem Besitzer und bat um Einlass. Eine Dame aus Tschechien (ca. 40) gesellte sich zu mir, und gemeinsam besichtigten wir nun das Museum. Tja. Etliche Bilder von ihr, ein paar Kleider, ein paar Originalgegenstände – mehr war’s ehrlich gesagt nicht. Nicht mal mehr Fotos durfte man machen („Pas de photos, s’il vous plaît, c’est un appartement privé.“) Nach 10 Minuten war ich da wieder raus. Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll… Eigentlich war’s ja ganz nett gemacht. Aber ein paar Erklärungen zu den Dingen wären schon ganz nett gewesen. Vielleicht bekommt man die nur mit Termin? Ich weiß es nicht. Was mich allerdings störte, war, dass es dort auch jede Menge Kitsch gab, zum Beispiel Gläser mit ihrem Aufdruck etc…

Naja, nun habe ich das Grab und das Museum von Edith Piaf gesehen. Hm. Hier müsste jetzt irgendeine Schlussfolgerung hin. Mir fällt aber keine ein.

Soviel zum heutigen Tage. Er war recht ereignisreich, wie ihr seht.

Bis demnächst in diesem Theater!

"Non, je ne regrette rien..."
30.10.06 21:09


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